Der Tausch

 

Der Tausch

 

 

von
 

Herbert Henck

 

 

Ein älteres Ehepaar frühstückte jeden Morgen gemeinsam. Nur selten kam es zu einem längeren Gespräch, und fand ein solches einmal statt, war der Anlass zumeist eine Zeitungsnachricht. Üblicherweise lasen nämlich beide zum Frühstück in der Zeitung und machten ihre Bemerkungen über das, was sie hier Neues erfuhren. Interessierten den Mann vor allem die Ereignisse, die sich in der großen Politik zugetragen hatten oder anstanden, so begann die Frau mit dem Lokalteil und belas sich zunächst lieber über die ihr bekannten Menschen und Örtlichkeiten. Dies ergänzte sich, und man tauschte die Blattlagen aus, sobald man die Lektüre beendet hatte. Währenddessen bissen beide in ihr Marmeladen- oder Wurstbrötchen und tranken dazu den Tee, der auf einer Vorrichtung warmgehalten wurde. Das Frühstück wurde gewöhnlich von der Frau bereitet. Sie deckte den Tisch, goß den Tee auf, zerschnitt die Brötchen in der Mitte und bestrich sie mit Margarine und Marmelade oder belegte sie mit Wurst, manchmal auch mit Schinken oder Käse. All solches geschah täglich in ähnlicher Weise, zog sich über Jahre hin und hatte weiter nichts Auffälliges.

Nun kamen die beiden, durch welchen Umstand auch immer, einmal auf die vielen Hunderte, ja Tausende von Brötchen zu sprechen, welche die Frau in ihrem Leben schon aufgeschnitten und zum Verzehr vorbereitet hatte. Dabei fiel dem Mann auf, der gerade ein solches Brötchen aß, dass seine Frau ihn immer mit dem Oberteil der Brötchen bedachte, während sie selbst sich regelmäßig das Unterteil nahm. Dies hatte er zwar schon mehrfach bemerkt, hatte es aber immer wieder vergessen oder es war ihm nicht der Rede wert gewesen. Da man aber diesmal ohnehin über die Brötchen sprach, fragte er seine Frau, warum sie eigentlich die zwei Hälften stets auf diese Art verteile. Die Frau stutzte und sagte dann etwas erstaunt, sie habe ihm einen Gefallen tun wollen. Und sie fügte hinzu, dass sie immer davon ausgegangen sei, ihm würde die obere Brötchenhälfte besser schmecken, weshalb sie sich selbst auch immer nur die untere Hälfte genommen habe.

Der Mann, der sich jetzt zu einer Erklärung seiner Frage veranlasst sah, kaute seinen Bissen zuende, trank einen Schluck Tee und sagte dann, dies sei von ihr zwar gut gemeint, doch müsse es hier wohl ein Missverständnis geben, denn ihm schmecke von jeher die untere Hälfte der Brötchen besser, und im Grunde habe er sogar manchmal bedauert, diese nie zu bekommen. Er habe aber angenommen, dass die untere Hälfte von ihr nun einmal lieber gegessen werde. Worauf die Frau sagte, nein, es sei genau umgekehrt. Seit vielen Jahren sei ihr die obere Hälfte die liebere, doch habe sie auf diese immer nur zu seinen Gunsten verzichtet.

Sie sahen einander sprachlos an, und verzehrten fortan nur noch die Lieblingshälften ihrer Brötchen.

 

 

 

Aufgrund einer wahren Begebenheit, die mir etwa in den
achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts in Köln erzählt wurde.

 

Erste Eingabe ins Internet:  31. Dezember 2014
Letzte Änderung: Dienstag,  3. Mai 2016

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