Totentanz eines Tausendfüßlers

 

Totentanz eines Tausendfüßlers

 

 

von
 

Herbert Henck

 

 

Hier auf dem Lande war es gestattet, einmal im Monat an einem bestimmten Tag (es war, glaube ich, der erste Samstag in jedem Monat) die Gartenabfälle dort zu verbrennen, wo sie angefallen waren. Das heißt mit anderen Worten, es war gesetzlich geregelt und erlaubt, ein offenes Feuer zu unterhalten, das womöglich noch bis in die Nacht hinein brennen durfte. Natürlich musste ein Sicherheitsabstand zum nächsten bewohnbaren Gebäude eingehalten werden, durfte nichts Brennbares in der Nähe gelagert sein und dergleichen Vorsichtsmaßregeln mehr. Aber so kam es, dass wir einige Zeit im Garten ein Feuer machten und das Gesammelte verbrannten.

Da geschah es einmal, es war fast dunkel geworden und die Fledermäuse waren schon auf der Jagd, dass ich in der Nähe eines solchen Feuers sass, mich in der bereits kühlen Nacht wärmte und zusah, wie die Hölzer allmählich verkohlten und trockenere Blätter und Ästchen schnell Feuer fingen, um dann schließlich in sich zusammenzufallen und nur noch helle Asche zu hinterlassen. Auch ein größerer Holzklotz wurde nach und nach vom Feuer verzehrt.

Da sah ich plötzlich einen Tausendfüßler aus einer der Ritzen des Holzklotzes eilen, sich rasend vor Schmerz in der ihn umgebenden Glut aufbäumen und einen Tanz vor seinem unweigerlichen Ende aufführen. Es war nicht möglich, ihn zu retten, denn jede Näherung war durch die überaus große Hitze zum Scheitern verurteilt. So konnte ich nichts als zusehen und den Dingen ihren Lauf zu lassen, die nun das unglückselige Tierchen getroffen hatten, das nicht mehr wusste, nach welcher Seite es sich wenden sollte, um der Glut zu entgehen. Als aber nirgendwoher Hilfe kam, richtete es sich in seiner ganzen Größe fast senkrecht auf und vollführte lautlos einen wirbelnden Schmerzens- und Todestanz, der eindringlicher war als alles, das ich je gehört oder auf Bühnen gesehen hatte, und den ich nicht einzuordnen wusste in das trostlose Skelett der Jahreszahlen. Die Beinchen des Tieres verschmorten, und es war nicht schön, dieses zu erblicken, auch wenn es nur einige Sekunden dauerte. Dann war alles vorbei. Doch werde ich diesen Tanz bis an mein Lebensende nicht vergessen können, und noch heute beiße ich mir auf die Lippen, selbst wenn Jahrzehnte darüber vergangen sind.


Ende Juni 2015

 

 

Erste Eingabe ins Internet:  August 2015
Letzte Änderung:  Mittwoch, 3. August 2016

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