Zwei Zeichen

 

Zwei Zeichen

 

 

von
 

Herbert Henck

 

 

Ein junger Mann hatte geheiratet und lebte mit seiner Frau zusammen in einem kleinen Haus, das sie erworben hatten. Nach wenigen Jahren erkrankte der Mann. Man suchte mehrere Ärzte auf und wandte verschiedene Heilverfahren an, doch half weder das eine noch das andere. Die Beschwerden nahmen im Gegenteil zu. Als immer deutlicher wurde, dass im Grunde niemand Rat wusste, alle Bemühungen der Heilkunst vergebens waren und mit einer Genesung nicht zu rechnen sei, bereitete man sich auf den schlimmsten Fall vor, ordnete die Dinge, soweit es die Krankheit erlaubte, und machte sich schweren Herzens mit dem Gedanken an das Ableben des jungen Mannes vertraut.

Nun fand in den letzten Wochen, in denen der Mann lebte, einmal eine längere Unterhaltung zwischen den Eheleuten statt. Da sie aufrichtig über das unvermeidlich Näherrückende sprachen, sich keinen falschen Hoffnungen mehr hingaben und Verstellungen einander ersparten, kam die Rede auch auf die Frage, was es mit dem Tod eines Menschen auf sich habe und wie wohl der dem Sterben folgende Zustand beschaffen sei.

Nachdem sie einige der gängigen Meinungen ausgetauscht hatten, äußerte die Frau indes einen seltsamen Wunsch. Mit großem Ernst und unter Wahrung aller Formen der Rücksichtnahme bat sie ihren Mann nämlich, ihr nach seinem Ableben, falls dies möglich sei, doch irgendein Zeichen zu geben, damit sie wisse, dass er nicht völlig tot sei, sondern sich nur in einem, sie suchte nach Worten, anderen Zustand des Seins befinde. Dies werde ihr, bis sie ihm einmal folge, helfen, den Schmerz zu ertragen und das Unbegreifliche zwar nicht zu verstehen, doch ein wenig näher an seine Schwelle zu gelangen. Der junge Mann lächelte bitter, fand in dem, worum ihn seine Frau bat, jedoch auch eine Art von Trost, und so versprach er, den Wunsch zu erfüllen, falls es in seiner Macht liege. Hierauf schwiegen beide eine Weile und sprachen dann von anderen Dingen.

Wie erwartet, starb der junge Mann wenig später. Unter großer Anteilnahme trug man ihn zu Grabe, und alle bedauerten seinen frühen Tod, den niemand hatte aufhalten können. Dann kehrte der Alltag zurück. Die Trauer der jungen Witwe schien nach außen hin zu verblassen und wandte sich nach innen, ihre Gedanken kreisten allmählich weniger um das Vergangene und richteten sich wieder auf das eigene Leben. Bald war ihr auch das Versprechen kaum noch in Erinnerung, demzufolge ihr vielleicht einmal ein Zeichen ihres früheren Ehemanns zuteil werden solle. Zwar dachte sie gelegentlich noch an diesen Wunsch von einst, glaubte aber kaum, dass er noch in Erfüllung gehen werde. So verstrich die Zeit.

Da ereignete sich etwas, das so leicht nicht zu erklären ist. Die Frau, die nun allein in ihrem Haus wohnte, war einmal eingeladen. Es wurde Abend, ehe sie mit ihrem Auto wieder zurückkehrte, und da sie in einer Gegend wohnte, in der die Häuser weit auseinander lagen, war es ringsum finstere Nacht geworden. Als die Frau jedoch um die letzte Kurve bog, die zu ihrem Haus führte, glaubte sie zunächst, sie habe sich, auch wenn ihr der Weg wohlbekannt war, in der Dunkelheit oder einem Moment der Unaufmerksamkeit verfahren. Denn vor sich sah sie ein Haus, in dem sämtliche Lichter brannten, sowohl jene in den Zimmern der beiden Stockwerke als auch die in der Einfahrt und der Garage. Selbst aus einer Dachluke und einem Kellerfenster drang Licht, und erhellt war ebenso die Terrasse, die zum Garten führte. Es war zweifellos das Haus, in dem sie wohnte.

Die Frau erschrak bei diesem Anblick und näherte sich in großer Sorge, denn sie war überzeugt, das Haus bei ihrer Abfahrt nicht in einer solchen Fülle von Licht verlassen zu haben. Ihr erster Gedanke waren daher Einbrecher, die sich Zutritt verschafft hatten. Hiergegen sprach freilich, dass es so gut wie nichts von Wert gab, das sich hätte stehlen lassen, oder dass Eindringlinge Licht eher meiden, um ihr Tun zu verheimlichen. Nach solchen Überlegungen nahm die Frau all ihren Mut zusammen, fuhr langsam heran, um der Sache auf den Grund zu gehen, und begann vorsichtig nach den Ursachen der Erscheinung zu forschen. Allein, sie fand nichts und niemanden. Die Schlösser des Hauses waren unversehrt, keine Tür war aufgehebelt, kein Fensterglas zersplittert. Alles war wie sonst, und der einzige Unterschied war die Beleuchtung.

Nachdem die Frau jeden Winkel des Hauses durchsucht und sich vergewissert hatte, dass sich kein Fremder darin verberge, nichts fehle und auch nirgends ein Schaden zu entdecken war, löschte sie die Lichter und rief einen Nachbarn an, um ihm von dem Vorfall zu erzählen. Diesem war indes nichts Ungewöhnliches aufgefallen, und da er die Beleuchtung auch gar nicht bemerkt hatte, versuchte er die Frau mit der Überlegung zu beruhigen, dass es vielleicht einen Fehler in der Stromversorgung gegeben habe, wie ihn Mäuse oder andere Nagetiere manchmal in der Stille verursachen. Der Frau schien diese Erklärung nicht richtig, doch wollte sie zu dieser späten Stunde mit dem nicht mehr ganz nüchternen Mann, der das Eigentümliche der Situation offenbar nur halb verstand, nicht streiten.

Dass es sich hier um ein Zeichen ihres verstorbenen Mannes gehandelt haben könnte, kam der Frau damals nicht in den Sinn, und erst, als bald danach ein zweites Ereignis hinzukam, das in gewisser Weise noch merkwürdiger war, begann sie zu überlegen, ob es hier nicht einen Zusammenhang gebe.

Dieses zweite Ereignis trug sich ebenfalls in dem Haus zu, welches die Eheleute bewohnt hatten. Nachdem beide eingezogen waren, hatten sie den Haupteingang alsbald von der einen auf die andere Seite des Hauses verlegt, da es sich besonders bei Regen oder Schneefall als lästig erwies, zwischen Garage und Haus immer ein Stück weit durch den Garten gehen zu müssen. Mit der Verlegung der Haustüre war die Einrichtung einer neuen elektrischen Klingel verbunden, und so wurde aus dem ursprünglichen „Ding-Dong“ zweier hängender Metallrohre fortan ein Schrillen, das man auch noch gut im Obergeschoss hören konnte. Die alte Glocke wurde nach dem Umbau entfernt, die überflüssige Tür vermauert, und da der Mann geschickt war und Freude an den Veränderungen fand, erledigte er die Arbeiten ohne fremde Hilfe. Bald hatte man sich an den neuen Eingang und den Klang der Schelle gewöhnt und war zufrieden mit der gefundenen Lösung.

Eines Tages, mehrere Monate nach dem Tod des jungen Mannes und nach dem ersten Vorfall, saß die Frau nun im Erdgeschoss in jenem Zimmer, das an die Küche grenzte und vormals als Esszimmer gedient hatte, das seines großen Tisches und der bequemen Stühle wegen aber auch gerne für anderes genutzt wurde. Es war früh am Nachmittag, die Sonne schien, die Fenster waren nur angelehnt, und die Frau hatte begonnen, einen Brief zu schreiben. Sie war darein so vertieft, dass sie zunächst gar nicht recht wahrnahm, was um sie herum vorging. Als ihr jedoch mit einem Mal bewusst wurde, was gerade geschehen war, erstarrte sie, und das Herz wollte ihr stillstehen. Es hatte an der Tür geläutet; dieses Läuten war aber nicht das inzwischen vertraute Schrillen der Klingel gewesen, sondern das „Ding-Dong“ jener Glocke, die sich schon seit langem nicht mehr im Haus befand. Und dieser Glockenlaut war ohne Zweifel von jener Seite des Hauses gekommen, wo einst der Haupteingang des Hauses gelegen hatte, wo es jetzt aber weder eine Türe noch eine Möglichkeit zu läuten gab.

Lange rührte sich die Frau nicht und horchte, ob sich das Läuten wiederhole, Schritte hörbar würden oder ein Schatten am Fenster sichtbar sei. Doch nichts dergleichen geschah. Alles blieb ruhig, und auch ein Gang um das Haus, den die Frau nach geraumer Zeit des Wartens zögernd unternahm, führte nicht weiter. Nur selten war das Rauschen von Autos zu hören, die in der Nähe auf einer belebteren Straße vorbeifuhren, so dass die Frau sich bald fragte, ob sie nicht geträumt und sich alles nur eingebildet habe. Aber sie verwarf den Gedanken sogleich wieder, denn sie wusste, was sie gehört hatte. Die Herkunft und Bedeutung des Gehörten wurden ihr diesmal sogleich klar, und sie war sich gewiss, dass es sich hier um eines der verabredeten Zeichen gehandelt habe.

Jahre vergingen, doch war dies das letzte Mal gewesen, dass der Frau solch eine ungewöhnliche Begebenheit widerfuhr, und nichts Ähnliches ereignete sich mehr. Das Leben verlief wieder in seinen gewohnten Bahnen, und die Erinnerung an die eigentümliche Bitte und ihre Folgen schwanden. Selten erzählte die Frau von dem, was in ihrem Haus geschehen war, denn fast immer stieß sie auf Unverständnis oder hatte sich mit den Zweifeln und Erklärungen ihrer Zuhörer in einer Weise auseinanderzusetzen, dass sie fortan nicht mehr darüber sprach.

 

2008/09

 

 

Diese Begebenheit wurde mir in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts auf einer Reise erzählt. Sie hat sich, dem damaligen Bericht zufolge, tatsächlich zugetragen.

 

 

Erste Eingabe ins Internet:  30. Dezember 2014
Letzte Änderung: Dienstag, 3. Mai 2016

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