Hegdal, Herbarium II

 

Die Kunst der Veränderung

Magne Hegdals „Herbarium II – 57 Piano Flowers“

 

von

Herbert Henck


 

Nachstehender Text wurde für das Booklet der CD Magne Hegdal, Herbarium II, Herbert Henck (Piano) geschrieben, die im Oktober 2004 in Oslo produziert wurde (Details). Die Eingabe ins Internet erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Aurora / Norsk Komponistforening, Oslo.

 

Die Umstände der Bekanntschaft waren die folgenden. Mitte Oktober 2001 gab ich in Oslo im Rahmen des angesehenen Ultima-Festivals ein Konzert mit Werken von Schönberg, Hauer und Cage, und da Geir Johnson, der Leiter des Festivals, nach der mittäglichen Veranstaltung von seinen organisatorischen Pflichten zu stark in Anspruch genommen war, hatte er den ortsansässigen Komponisten Magne Hegdal gebeten, sich stellvertretend meiner anzunehmen. Nach dem anstrengenden Konzert war ich freilich recht erschöpft, sehnte mich nach Ruhe und war weder hungrig noch in der Lage, auf einer mir angebotenen Rundfahrt die Schönheiten der Osloer Küsten- und Hafenlandschaft gebührend zu würdigen, so dass mich Hegdal auf meine Bitte hin in seinem Auto zu meiner Unterkunft zurückbrachte.

Da mein Hotel am entgegengesetzten Ende der Stadt nahe am Bahnhof lag, ergab sich während der Fahrt die Möglichkeit, einander besser kennen zu lernen und sich vor allem über die Musik Josef Matthias Hauers auszutauschen. Hierbei wurden alsbald Gemeinsamkeiten in der Wertschätzung des Wiener Zwölftonkomponisten offenbar, die mich umso mehr verwunderten, als Hegdal Kenntnisse über Hauer besaß, mit denen ich keineswegs gerechnet hatte. Erst später erfuhr ich, dass der Komponist bereits dreißig Jahre zuvor seine Examensarbeit über ein Klavierstück aus Hauers „Atonaler Musik“ verfasst und sich auch danach noch immer wieder mit dessen Ideen und Werken beschäftigt, ja kompositorisch mitunter sogar auf sie bezogen hatte. Wir vereinbarten zum Abschied einen postalischen Austausch einiger unserer Arbeiten, die für den anderen von Interesse sein mochten, und ich trennte mich von ihm in dem angenehmen Gefühl, einen so gebildeten wie liebenswerten Menschen kennen gelernt zu haben, ein Eindruck, der sich durch Hegdals oft zurückhaltende Art, über seine eigene Musik zu sprechen, eher noch verstärkt hatte.

Wieder zurück in Deutschland schickte ich ihm mein kleines Buch über Hauer und erhielt bald darauf über Hegdals Verlag, Norsk Musikkinformasjon (heute Musikkinformasjonssenteret geheißen), mehrere großformatige Hefte seiner Klavierstücke zugesandt. Sofort nahm mich die sichtlich wohlüberlegte und auf alle Modernismen verzichtende Notation der Werke ein, die sämtlich in einer so schönen und sauberen wie gut leserlichen Handschrift ausgefertigt waren. Da ich damals aber keine Möglichkeit zu einer Aufführung sah, legte ich die Stücke vorerst zur Seite.

Als im Juli des darauf folgenden Jahres die Noten von „Herbarium II“ eintrafen, erhielt mein Interesse an Hegdals Klaviermusik neuen Auftrieb. Einer Neigung zu vielteiligen, zyklischen Ordnungen folgend, in denen die Musik sich weiträumig durch klar voneinander abgesetzte, wechselseitig sich beleuchtende und belebende Sätze entfalten kann, zogen mich diese siebenundfünfzig „Klavierblumen“, wie der Untertitel lautete, besonders an. Zwar hatten mir auch die anderen übersandten Werke gefallen, doch schien es mir, als zeige sich hier der kühnste Entwurf, der längste Atem und die größte, nirgendwo nachlassende schöpferische Kraft. Spontan begrüßte ich auch die Idee, jedes der Stücke auf einer einzigen Seite zu jeweils fünf Zeilen festgehalten zu sehen, so dass ein ruhiger Puls in den Ablauf kam und man als Spieler, ohne blättern zu müssen, seine Aufmerksamkeit stets einer ganzen Komposition widmen konnte.

Am Ende des fünften Satzes zitierte Hegdal einen Satz Hauers (1883–1959), den dieser seinen Werken sentenzhaft immer wieder als einzige Spielanweisung beigegeben hatte: „Ausdruck je nach der Farbe“. Mit Hauers Notenbild stimmte auch die Eigenart überein, sowohl Tempi wie Lautstärken offen zu lassen und der interpretatorischen Einfühlungsgabe anzuvertrauen. Hegdals englischsprachiges Vorwort erläuterte diese und andere Freiheiten der Gestaltung – so auch mögliche Abweichungen von der gedruckten Reihenfolge der Stücke –, und wies darauf hin, dass bei Nutzung des eingeräumten Spielraums unterschiedlichste Ergebnisse zustande kommen könnten. Letztlich blieb es aber bei einer Aufzeigung der Alternativen, und der Komponist enthielt sich jeder Einmischung in die Entscheidungen der Spieler.

Die Beziehungen zu einem zweiten Komponisten noch fernerer Vergangenheit waren einer Fußnote des zehnten Satzes zu entnehmen, der im Unterschied zu allen anderen Stücken des Zyklus tonartliche Vorzeichen, und zwar die vier Kreuze von E-Dur oder Cis-Moll trug. Hier verwies Hegdal auf das „neue harmonische System“ von Antonín Reicha [Rejcha] (1770–1836). Es gab jedoch noch eine zweite, vielleicht bedeutendere Anlehnung an diesen tschechischen Komponisten, die ich erst gesprächsweise erfuhr. Sie wirkte als eine Art numerischer Hommage mehr aus dem Hintergrund heraus, erfasste dafür aber die gesamte Komposition. Denn die siebenundfünfzig Sätze von „Herbarium II“ bildeten eine Art Echo auf Reichas mehr als einstündigen, 1804 entstandenen Klavierzyklus „L’Art de Varier“ (Die Kunst des Veränderns) op. 57 mit seinen vielleicht von der Opuszahl beeinflussten siebenundfünfzig Variationen. Natürlich sind dies unabänderliche Äußerlichkeiten und Zusammenhänge, die ein Hörer kaum wahrnehmen wird. Für den Komponisten aber, der eine solche Brücke schlägt, ist es wohl mehr; und spürbar werden eine leise Bezugnahme auf einer anderen Ebene als der des Hörens, der Verweis auf eine Linie in der Geschichte, ein Aufgreifen und Fortführen alter Gedanken.

Als „Kunst des Veränderns“ ließe sich auch die kompositorische Technik Hegdals in „Herbarium II“ beschreiben. Die Natur dieser Veränderungen ist freilich ganz anderer Art, als sie jemals in den Variationssätzen früherer Zeiten zu Tage trat, ist eingreifender und umfassender zugleich, weniger abwechslungsreiches, modifizierendes Spiel als ästhetische Haltung und fast schon Merkmal einer Weltanschauung. Ehe ich etwas ausführlicher auf die Entstehung und das Wesen dieser Musik eingehe, seien aber noch einige Worte zum Titel des Werkes vorausgeschickt.

Anders als man vermuten könnte, handelt es sich bei „Herbarium II“ nicht um die Fortsetzung eines früher komponierten, abgeschlossenen ersten Teils, sondern um die neue, nunmehr endgültige Fassung einer älteren Arbeit, die lediglich „Herbarium“ hieß, nur fünfundvierzig „Blumen“ umfasste und bereits 1974 entstanden war. Hegdal überarbeitete diese erste Version im Jahre 2002, und die neue, als „Herbarium II“ bezeichnete Fassung ersetzt die erste, die seinem Wunsche gemäß auch nicht mehr aufgeführt werden soll. Obwohl sich die vom Komponisten verantworteten Entscheidungen nur wenig änderten und Hegdal die zweite Fassung des Werkes lediglich als „technisch vollkommener“ betrachtet, führten die neuerlich durchgeführten Zufallsoperationen – mehr hierüber im Folgenden – zu Ergebnissen, die oftmals kaum Gemeinsamkeiten mit den früheren erkennen lassen. Der Vergleich mit der Natur liegt nahe, in welcher bereits kleinste Veränderungen größte, kaum je absehbare Wirkungen zeitigen können, auch wenn alles Geschehen stets auf denselben Grundlagen und Gesetzen beruht.

Der eigentliche Titel „Herbarium“ drückt eine Analogie zu jenen Sammlungen der Botaniker aus, die auf eine Erfindung von Luca Ghini (1544) zurückgehen und den Naturforschern die Möglichkeit bieten, getrocknete, gepresste und dann auf Papierbogen befestigte Pflanzen zu wissenschaftlich vergleichender Schau und Untersuchung stets griffbereit zu haben. Wie ein Botaniker fasste Hegdal im Vorwort seines „Herbarium II“ die Stücke sogar zu suitenartigen „Familien“ zusammen und ordnete einigen Sätzen lateinische Namen zu wie Medium, Triangulum, Axis, Linea, Margines oder Dimidium. Dabei merkte er zugleich aber an, dass diese Namen und Einteilungen, die in der ersten Fassung des Werkes noch fehlen, sich zumeist strukturellen Überlegungen verdanken und keinerlei Beziehung zu der tatsächlichen Musik haben. Für den Hörer sind sie so unwesentlich wie jene zwischen die Familien eingeschobenen Trennseiten in den Noten, auf denen der Komponist in graphischem Spiel musikalische Symbole (Notenschlüssel, Akzente, Pedalbezeichnungen, Portamenti, Bögen und Fermaten) zu neuer, unabhängiger Gestalt, einmal auch zu einer kleinen Blume fügte.

Kurz bevor mich die Notenausgabe von „Herbarium II“ erreichte, schrieb mir Hegdal einen längeren Brief, in dem er mir die Ideen und die Entstehungsweise des Werkes auseinander setzte. Zur Veranschaulichung waren drei Entwürfe einzelner Sätze als Farbfotokopien beigefügt. Ohne in Einzelheiten zu gehen, möchte ich das Wesentliche hier wiedergeben und gleichzeitig erläutern.

Die Entstehung von „Herbarium II“ unterliegt einem streng mechanischen Prozess, der auf Zufallsentscheidungen gründet und sich damit bewusst (auch selbstbewusst) in eine hauptsächlich auf John Cage zurückgehende Tradition stellt. Aus einer Tabelle systematisch entwickelter rhythmischer Zellen, die im Vorwort des Zyklus abgedruckt ist, wird zunächst für jedes Stück eine Auswahl rhythmischer „Motive“, dann aus diesen Motiven eine Auswahl tatsächlich zu verwendender Noten getroffen. Auch die Tonhöhen, die mit den Rhythmen verbunden werden, unterliegen einer zufälligen Ordnung und werden für jedes Stück neu gewählt. Dass dabei alle zwölf Töne der chromatischen Skala erscheinen, ist die Ausnahme, und wichtiger ist die wiederum vom Zufall gelenkte Häufigkeit ihres Auftretens, da diese Einfluss auf die Harmonik nimmt. Schließlich bestimmt auch der Zufall, in welcher von neun vorgegebenen Oktavlagen die ausgewählten Töne erscheinen.

Solche und andere Regeln, die etwa auch die Stimmführung, die Spielbarkeit oder die Pedalisierung betreffen, wurden so erdacht, dass während der kompositorischen Verbindung der Elemente keinerlei Entscheidungen mehr zu treffen waren, sondern die Musik sich als Resultat der Vorgaben einstellt. Der schöpferische Prozess findet gleichsam im Vorfeld der Komposition statt. Die klingenden Ergebnisse, zu denen sich das Material immer genauer, aber nie in sich wiederholender Weise ausformt, sind zwar nicht unabhängig von der Lenkung durch den Komponisten, verselbständigen sich unter der Einwirkung des Zufalls aber ab einem bestimmten Punkt und entziehen sich schließlich jeglicher weiteren Absicht und Vorhersehbarkeit, zumal bei jeder Aufführung, ob man will oder nicht, immer wieder andere interpretatorische Bestimmungen von Geschwindigkeiten und Lautstärken hinzutreten.

Dass die so entstehende Musik keiner vertrauten Dramaturgie mehr gehorchen kann und „nirgendwohin führt“ (Hegdal), wusste niemand besser als der Komponist, und er befürchtete angesichts der Dauer des Zyklus, dass „Herbarium II“ Bedenken auslösen, ja auf Ablehnung stoßen könne. Ob solche Befürchtungen zu Recht bestehen oder nicht, muss indes jeder, der den Zyklus hört, selbst entscheiden; die bisherigen Erfahrungen waren aber eher ermutigend. Als Interpret sah ich keinen Anlass, nicht auch dort künstlerische Verbindlichkeit zu erkennen und ästhetisches Wohlgefallen zu entwickeln, wo sich eine Musik mehr oder minder ablöst vom expressiven Willen des Komponisten. Denn durch den Zufall, meine ich, gewinnen die Klänge, ebenso wie die Stille zwischen ihnen, etwas zurück von einer Unbefangenheit, Schönheit und Reinheit, die mit anderen Mitteln vielleicht niemals erreichbar wäre.

Der Ablauf der vorliegenden Interpretation hält sich genau an die gedruckte Fassung. Die „Doubles and Variants“ (Verdopplungen und Varianten), die andere Stücke ersetzen, aber ebenso eine eigenständige Gruppe bleiben können, wurden am Schluss des Zyklus belassen, wo sie auch notiert sind.

Die Uraufführung der Stücke 1 bis 25 fand am 11. September 2003 in den von André Heller gestalteten „Swarovski Kristallwelten“ in Wattens, Österreich, im Rahmen der „Klangspuren 2003“ statt. Die erste öffentliche Aufführung des gesamten Zyklus erfolgte während des Ultima-Festivals 2004 am 14. Oktober im Lindemansalen der Staatlichen Musikakademie Oslo.


(April 2005)

 

Weitere Informationen
über “Herbarium II”

Notenausgabe: Magne Hegdal, HERBARIUM II, 57 Piano Flowers
Oslo: Musikkinformasjonssenteret / Music Information Centre Norway, [© 2002]
Biographie Magne Hegdal
CD-Veröffentlichung

 

Erste Eingabe ins Internet: Donnerstag,  2. Juni 2005
Letzte Änderung:  Donnerstag,  21. April  2016

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