Fritz Fridolin Windisch  (II)

 

Fritz Fridolin Windisch

1895–1961


Teil 2

 

von
Herbert Henck

 

 

 

Teil 1

Kap. 1   Die Zeitschrift Melos als Ausgangspunkt
Kap. 2   Drei Lebensläufe (I–III)
Kap. 3   Erster Weltkrieg, Reifeprüfung, Studium in Leipzig und Berlin
                   Erster Weltkrieg und Reifeprüfung
                   Studium in Leipzig
                   Studium in Berlin
                   Promotion und Habilitation
Kap. 4   Familiäre Verhältnisse

              Anmerkungen zu Teil 1


Teil 2

Kap. 5   Literarisches und „Neuendorff & Moll“
Kap. 6   Musik
                   Lehrer
                   Kompositionen
                   Die Widmung von Ludwig Weber
                   „Melos“
                        Der Name „Melos“
                        Windischs „Melos“-Korrespondenz
                        Windischs eigene Aufsätze in Melos (1920–1922)
                        Der „Melos-Verlag“
                        Die „Melos-Gemeinschaft“ in Berlin und Leipzig
                        Herbert Graf
                        Ein Skandal und sein Nachspiel in der Weltbühne

              Anmerkungen zu Teil 2


Teil 3

Kap. 7   Ergänzungen aus Fritz Windischs Nachlass (FWN)
                        Der Prozess (1934)
                        Die Institutsgründung
                        Der Lebenslauf IV von Windisch
                             Editorische Vorbemerkung
                             Windischs Lebenslauf IV (Text)
                        Aufenthalt in Schlitz. Briefe 1945–1947
Kap. 8   Chronologie

              Anmerkungen zu Teil 3

Dank



Abbildungen
     Abb. 1   Fritz Windisch (Foto, spätestens 1960)
     Abb. 2   Dokument der Entziehung von Windischs Lehrbefugnis (1. Juni 1935)
     Abb. 3   Fritz Windisch (Foto, 1914)
     Abb. 4   Fritz Windisch (Zeichnung, 1917)
     Abb. 5   Mitteilungszettel des Melos-Verlags (1. April 1921)
     Abb. 6   Kammermusik-Veranstaltungen der Melos-Gemeinschaft 1921/1922
     Abb. 7   Musikblätter, herausgegeben von Herbert Graf (Briefkopf)
     Abb. 8   Herbert Graf (Porträtfoto)
     Abb. 9   Fritz Windisch in dem Institut für Brauerei und Mälzerei, spät. 1935

Ausführlichere Informationen über folgende Personen
     Francke, Richard (Komponist)
     Graf, Herbert (Bankprokurist, Melos-Förderer, Musikschriftsteller)
     Simon, Dr. James (prom. Pianist)
     Venus, Hugo (Geiger)
     Windisch, Hans (Germanistik-Student) siehe auch Windisch-Sartowsky
     Windisch, Karl, Prof. Dr. (Biochemiker)
     Windisch, Wilhelm, Prof. Dr. (Biochemiker)
     Windisch-Sartowsky, Hans (Komponist)

Häufige Abkürzungen für die Herkunft der Dokumente



 

 

 




Kapitel 5
Literarisches und „Neuendorff & Moll“


Hinsichtlich der literarischen Veröffentlichungen von Fritz Windisch, die ohne erkennbare Ausnahme seiner naturwissenschaftlichen Arbeit und Promotion vorausgingen und zeitweilig wohl auch parallel zu seiner musikalischen Tätigkeit verliefen, kommt dem Jahr 1919 besondere Bedeutung zu, da in diesem Jahr alle seine frühen Einzeldrucke erschienen. Hergestellt wurden sie sämtlich in Berlin-Weißensee von „Neuendorff & Moll“, einer Druckerei, auf die noch mehrfach zurückzukommen ist. Bei diesen heute vergleichsweise seltenen und antiquarisch entsprechend wertvollen Ausgaben handelt es sich weniger um Bücher als um Broschüren, deren Umfang zum Teil nur aus einigen Blättern besteht und in keinem Fall 55 Seiten überschreitet.

Inhaltlich stellen die sechs Drucke von 1919 einen mehr oder minder deutlichen Bezug zum Sozialismus, Kommunismus und der russischen Oktober-Revolution von 1917 her, und neben zwei eigenständigen Arbeiten Windischs, Dem Proletariat. Dichterworte und Klang aus meiner Finsternis, findet man hier Geleitworte zu Schriften von Lenin und Kropotkin, die Rede Der geistig Schaffende, die Windisch auf dem „Gesamtdeutschen Aktivisten-Kongress“ (Bund der Kulturrevolutionäre) im Juni 1919 im Berliner Schubert-Saal hielt, [59] sowie die anonyme Schrift Rinnstein. Aufzeichnungen eines Verschollenen, vielleicht in einer Übertragung Windischs aus dem Flämischen (siehe unten). Die Schriften Kropotkins und Lenins verweisen mit ihrem Reihentitel Proletkult-Bücherei für Bildungskampf (Band 1 und 2) auf eine Fortsetzung dieser Veröffentlichungen, doch waren keine weiteren Ausgaben in Erfahrung zu bringen.

Die Drucke seien alphabetisch nach Titeln geordnet, da mir ihre genaue chronologische Folge unbekannt ist. Die Vornamen Windischs sind beigefügt, da hier überall der Doppelnamen „Fritz-Fridolin“ mit Bindestrich auftritt. Diese Schreibweise seiner Vornamen verwendete Windisch im Wesentlichen bis 1919. 1920 ließ er zumeist den Bindestrich entfallen („Fritz Fridolin Windisch“, so in den Aufsätzen für die Freie Deutsche Bühne oder den 1920 in Melos erschienenen Arbeiten), während er seit etwa 1921 bis an sein Lebensende die Form „Fritz Windisch“ bevorzugte; vgl. auch Anm. [16], 2. Absatz.


    (1) Fritz-Fridolin Windisch, Dem Proletariat. Dichterworte, Berlin, Neuendorff & Moll, [1919], 15 S., 8°; Standort: Bundesarchiv sowie SBB/PK(Signatur: Yo 34735), Exemplar im FWN. Einzeltitel des Inhalts: Impression (S. 3); Geistwerde Arbeiterschaft (S. 4); Klingauf! (S. 5); Armutsgräber (S. 6); Erd-Erde (S. 7); Elend (S. 8); Wahnvolk!, darunter in Klammern der Vermerk: „Sankt Liebknecht“ [59a] (S. 9); Kapital (S. 10); Notfluch! (S. 11); Totklang (S. 12); Hand und Hirn (S. 13); Sozialreformer (S. 14); Internationale! (S. 15)

    (2) Fritz-Fridolin Windisch, Der Geistig-Schaffende. Seine elementare Notwendigkeit bei der Errichtung der kommunistischen Republik. Als Diskussionsrede gehalten auf dem Gesamtdeutschen-Aktivisten-Kongress (Bund der Kulturrevolutionäre) zu Berlin. 15.–22. Juni 1919, Berlin, Neuendorff & Moll, 1919, 8 S., 8°

    (3) Fritz-Fridolin Windisch, Klang aus meiner Finsternis, Berlin-Weißensee, Neuendorff & Moll, 1919, 8 Bl.

    (4) Fritz-Fridolin Windisch, Geleitwort, in: Peter Kropotkin, Politische Rechte und ihre Bedeutung für die Arbeiterklasse, Berlin-Weißensee, Neuendorff & Moll, 1919, 4 Bl. 8°; Reihe: Proletkult-Bücherei für Bildungskampf, Bd. 1

    (5) Rinnstein. Aufzeichnungen eines Verschollenen, anonyme Schrift (Original-Publikation: Auftakt 1917 [60]), aus dem Vlamischen übersetzt möglicherweise von F.-F. Windisch, Berlin-Weissensee, Neuendorff & Moll, 1919, 55 S. – Inhaltsverzeichnis: online als pdf-Datei; vorhanden in: Nationalbibliothek Leipzig (Signatur: 1920 A 3357) [61]

    (6) Fritz-Fridolin Windisch, Geleitwort, in: Lenin, N. [sic], Sozialismus und Krieg; illustriert, 16 S., Berlin-Weißensee, Neuendorff & Moll, 1919, Reihe: Proletkult-Bücherei für Bildungskampf, Bd. 2. Erste Ausgabe in Deutschland. Die Ausgabe enthält nur das erste Kapitel von Lenins Schrift sowie zwei Resolutionen von der Berner Konferenz der SDAPR [Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands], die 1914/15 entstand und zuerst in der Schweiz vollständig veröffentlicht wurde. „N. Lenin“, der hier als Verfasser angegeben wird, ist in Wirklichkeit der russische Politiker und Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin (1870–1924). [62]


Wahrscheinlich handelte es sich um vorstehende Schriften, die nach 1933 dazu beitrugen oder ausschlaggebend waren, Windisch seine Lehrbefugnis aufgrund des Vorwurfs zu entziehen, dass er „Anhänger des Kommunismus“ sei, „der schon als Schüler kommunistische Ideen vertreten habe“. [63] Verwiesen sei darauf, dass auch Hermann Scherchen, der Gründer von Melos, bei der politischen Ausrichtung Windischs durchaus eine Rolle gespielt haben könnte, denn Scherchen war aus russischer Zivilgefangenschaft in seine Herkunfts- und Heimatstadt Berlin zurückgekehrt und war von den Ideen der Oktoberrevolution damals so beeindruckt, dass er 1918 das später weithin bekannte Lied Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, eine Art Hymne der Revolutionen von 1905 und 1917, aus dem Russischen ins Deutsche übertrug. [64]

Einzufügen wären hier jene Aufsätze von Fritz Windisch, die er für die in Berlin erscheinende Zeitschrift Freie Deutsche Bühne schrieb. Sie leiten in gewisser Weise zu den Ereignissen um Melos über und heben Windischs deutlich aktuelle musikbezogene Ausrichtung hervor. Alle vier Arbeiten wurden im November 1920 und Januar 1921 veröffentlicht, und hinzu kommt im April 1920 die halb anonyme Besprechung eines expressionistischen Vortragsabends, an dem Windisch als Musiker und Dichter teilnahm. Die Artikel von Windisch seien hier als Liste zusammengestellt, während die zuletzt erwähnte Besprechung in Anmerkung [64a] bibliografisch zu finden ist.


    (1) Fritz Fridolin Windisch, Maria Ivogün [in der Rubrik Rundschau], in: Freie Deutsche Bühne, hg. von Max Epstein und Emil Lind, 2. Jg., Nr. 11, Berlin: Verlag „Freie Deutsche Bühne“, 7. November 1920, S. 261–262

    (2) Fritz Fridolin Windisch, Režniceks Ritter Blaubart [Oper], in: Freie Deutsche Bühne, hg. von Max Epstein und Emil Lind, 2. Jg., Nr. 12, Berlin: Verlag „Freie Deutsche Bühne“, 14. November 1920, S. 272–276 [64b]

    (3) Fritz Frid[olin] Windisch, Frankfurter Theater I. [erster Teil], in: Freie Deutsche Bühne, hg. von Max Epstein und Emil Lind, 2. Jg., Nr. 14, Berlin: Verlag „Freie Deutsche Bühne“, 28. November 1920, S. 326–328 [64c]

    (4) Fritz Frid[olin] Windisch, „Die Gezeichneten“ [Oper von Franz Schreker], in: Freie Deutsche Bühne, hg. von Max Epstein und Emil Lind, 2. Jg., Nr. 22, Berlin: Verlag „Freie Deutsche Bühne“, 23. Januar 1921, S. 489–(512), S. 497–500
     

Eine Brücke anderer Art zwischen der literarischen Produktion Windischs und Melos stellen die Inserate dar, welche in Melos erschienen und für die Verbreitung eines seiner Drucke warben. Dabei ist jedoch hervorzuheben, dass alle Inserate, die ich feststellen konnte, noch unter Hermann Scherchen erschienen waren, der Melos erst im Mai 1921 an Windisch übergab. – Die Melos-Inserate von 1920 und 1921 seien hier zusammengestellt, wobei sie vornehmlich Windischs Schrift Klang aus meiner Finsternis (siehe oben) galten, die einen Bezug im Titel trug, der die Inserierung in einer Musikzeitschrift sinnvoll erscheinen ließ. Die gleichlautenden Inserate (2) und (3) für den Rinnstein sind die Ausnahme, wobei jedoch auch mehrere Notenlinien im Hintergrund der Abbildung zu sehen sind.


    (1) [ganzseitiges Inserat] in: Melos, 1. Jg., Nr. 6, Berlin, 1. Mai 1920, S. 153; hier ist nur ein Hinweis auf den Verlag Neuendorff und Moll in Berlin-Weissensee, aber kein Hinweis auf eine „Verlagsgesellschaft“; vgl. unten (5). Inserat für Klang aus meiner Finsternis

    (2) [Inserat] in: Melos, 1. Jg., Nr. 12, Berlin, 1. August 1920, S. 288, oben rechts, Inserat für Windischs Druck Rinnstein

    (3) [Inserat] in: Melos, 1. Jg., Nr. 18, Berlin, 1. November 1920, S. 429, unten rechts, Inserat für Windischs Druck Rinnstein

    (4) [Inserat] in: Melos, 2. Jg., Nr. 1, Berlin, 1. Januar 1921, auf der hinteren inneren Umschlagseite, Inserat für Klang aus meiner Finsternis

    (5) [Inserat] in: Melos, 2. Jg., Nr. 3, Berlin, 1. Februar 1921, S. 67, gleichlaulautend wie das Inserat (4); daher auch hier „Verlagsgesellschaft“ (siehe auch Anm. [71a]). Inserat für Klang aus meiner Finsternis

    (6) [ganzseitiges Inserat auf der Rückseite von:] Inhalts-Verzeichnis | 1. Jahrgang 1920 | der | „MELOS“ | Halbmonatsschrift für Musik | Zusammengestellt | von | Prof. Dr. WILHELM ALTMANN, welches der Nr. 3 im Jg. 2 beilag (genannt auf der Titelseite, ganz unten) und somit auch in Berlin am 1. Februar 1921 erschienen sein müsste (siehe auch den vorigen Eintrag). [64d] Inserat für Klang aus meiner Finsternis
     

Zugleich ist eine gewisse Unruhe, ja Nervosität bemerkbar, die in den Monaten der Übergabe des Periodikums von Scherchen an Windisch verständlich ist und vielleicht nicht zu umgehen war. In der Ausgabe Nr. 5/6 vom 1. April 1921, welche die letzte unter der Herausgeberschaft Scherchens war, lag jedoch ein auf rotem Papier gedruckter Zettel bei (siehe Abbildung des Dokuments aus dem FWN), auf dem es erklärend hieß: „Mitteilung! | Das Herauskommen dieser Nummer ist durch | einen erforderlich gewordenen Redaktionswechsel | stark verzögert worden [...].“

 

Mitteilungszettel

Abb. 5
Beilage zum Heft vom 1. April 1921 von Melos (Herkunft: FWN)


 

Mit diesem Zettel, der den sechs-, statt zweiwöchigen Abstand von Melos, der „Halbmonatsschrift“, zwischen den Heften Nr. 4 (16. Februar 1921) und dem Doppelheft Nr. 5/6 (1. April 1921) begründete – es gibt kein Heft im März 1921 –, endete für Hermann Scherchen offiziell das Kapitel Melos, wie es für Fritz Windisch zu einer neuen Aufgabe wurde, derer er sich, wie die weiteren Ereignisse zeigen, mit außerordentlichem Einsatz annahm. Scherchens Schweigsamkeit über die konkreten Veränderungen in der Redaktion von Melos fallen indes ebenso auf wie die Unbestimmtheit in der Formulierung der roten Zettel-Beilage. Auffällig ist jedoch auch, dass Scherchens Name nirgends in einer der mir bekannten Schriften von Fritz Windisch in Erscheinung trat. – Fritz Windisch veränderte ab der ersten von ihm editorisch betreuten Ausgabe (Heft Nr. 7, 1. Mai 1921) den „Besonderen Teil“ in „Musikphysiologischer Teil“ und führte das Erscheinen von Melos weiter, indem die Halbmonatsschrift zur Monatsschrift wurde und die Ausgaben nur noch am 1. jeden Monats veröffentlicht wurden. [64e] Den „Besonderen Teil“ von Melos hatte Windisch seit Nr. 17 vom 16. Oktober 1920, S. 395 ff., bereits als Schriftleiter inne.

Etwas Licht könnte durch die Forschungen von Prof. Dr. Joachim Lucchesi in eine schwere Auseinandersetzung zwischen Scherchen und Windisch kommen, da Lucchesi eine umfassende Ausgabe der Briefe Scherchens vorbereitet, die im Musikverlag Schott erscheinen wird. Er zitierte mir aus einem 1921 verfassten Brief von Windisch an Alban Berg, der nichts an Deutlichkeit darüber zu wünschen lässt, dass das Verhältnis zwischen Windisch und Scherchen mehr als getrübt war. Ich möchte dieser in Ausarbeitung befindlichen Edition jedoch nicht vorgreifen, wollte aber darauf als solcher bereits gerne hingewiesen haben und Herrn Prof. Lucchesi für die Erlaubnis danken, an dieser Stelle aufmerksam machen zu können auf den zur Sprache kommenden Konflikt. Reibungslos scheint der Übergang von dem alten zu dem neuen Melos-Herausgeber aber keineswegs gewesen zu sein.


*


„Neuendorff & Moll“ in Berlin-Weißensee, Berliner Allee 71, war indes eher eine Druckerei als ein Verlag, [65] und es sei wenigstens die Vermutung geäußert, dass die hier entstandenen Drucke von Windischs Schriften von ihm selbst in Auftrag gegeben und vielleicht auch finanziert wurden. Dass hier kein regulärer Verlag tätig wurde, lässt sich aus den Beobachtungen schließen, dass sich überhaupt nur eine kleine Anzahl von Drucken bei „Neuendorff & Moll“ nachweisen ließ, dass gelegentlich mehrere Jahre zwischen den einzelnen Publikationen verstrichen und nichts von dem erkennbar ist, was gemeinhin eine Verlagsarbeit auszeichnet (wie Redaktion, Vertrieb, Werbung usw.). Auch die Zeitschrift Melos erschien anfangs bei „Neuendorff & Moll“ (oder wurde hier hergestellt); [66] und ebenso druckte „Neuendorff & Moll“ zumindest einige Programme für die Konzerte der von Hermann Scherchen gegründeten „Neuen Musikgesellschaft E.V.“ [67] sowie 1920 die von der Berliner Novembergruppe herausgegebenen sechs Hefte der Zeitschrift Kunsttopf[68] Inwiefern Windisch hier nur als Vermittler auftrat oder sonst beteiligt war, entzieht sich meiner Kenntnis.

Neben diesen Drucken, die alle um 1920 herum erschienen, wurden mir aus späterer Zeit überhaupt nur drei weitere bei „Neuendorff & Moll“ hergestellte Schriften bekannt, die ihrerseits aber erneut auf Fritz Windisch verweisen könnten. In allen drei Fällen nämlich handelt es sich um Dissertationen (zwei an der Berliner Universität, eine an der Universität Jena), wobei sie alle nicht von Sozialismus, Politik, Literatur, Kunst oder Musik handeln, sondern Doktorarbeiten aus dem Bereich der Biochemie, der Wirtschaftswissenschaft und der Medizin sind. Gleich die erste von 1928 untersucht biochemische Fragen der Gärung, so dass sich auch ihre Thematik unmittelbar auf jenes Gebiet bezieht, in dem Windisch seit etwa Mitte der 1920er Jahre selbst tätig war und 1926 promoviert wurde. [69] Die zwei anderen Dissertationen von 1933 und 1935 lassen sich einstweilen nicht mit vergleichbarer Deutlichkeit in das Bekannte einordnen, doch wäre der Frage noch nachzugehen, ob hier ebenfalls ein Zusammenhang mit Fritz Windisch gegeben ist oder ausgeschlossen werden kann. [70]

Wer damals unter den Namen „Neuendorff & Moll“ tätig wurde, ist aus verschiedenen Berliner Adreßbüchern ersichtlich: Zum einen war dies, wie bereits in Fußnote [65] angegeben, Felix Neuendorff, zum andern Paul Moll. [71] Da die gemeinsam geführte Druckerei in dem Berliner Adreßbuch 1913 noch fehlte, in den folgenden Jahren jedoch ständig vertreten war, ist anzunehmen, dass sie erst 1914 gegründet wurde. Zwar ist in der Korrespondenz zwischen H. Scherchen und E. Kurth einmal (1920) von einer „Verlagsgesellschaft“ im vorgedruckten Briefkopf die Rede (vgl. Fußnote [92]), doch war dies vielleicht eine vorübergehende Bezeichnung, die neben „H. F. C. Bergmanns Verlagsgesellschaft“ (siehe unten) auch in zwei Anzeigen für Windischs Broschüre Klang aus meiner Finsternis in Erscheinung trat. [71a]  Die Berliner Adressbücher sprechen bei „Neuendorff & Moll“ jedoch immer nur von einer Buchdruckerei und anfangs auch von einer „Kunstdruckerei“, wie dies schon 1914 beim ersten Eintrag der Fall war. Ebenso werden sowohl Felix Neuendorff wie Paul Moll stets als „Buchdruckereibesitzer“, niemals jedoch als Verleger bezeichnet (vgl. Fußnote [71]). Als Verlag wäre hier wohl eher der „Melos-Verlag“ zu nennen, in dem die Zeitschrift Melos erschien, auch wenn damit eigentlich kein regelrechter Verleger, sondern nur die bekannten Schriftleiter, Herausgeber oder Redakteure der Zeitschrift Melos sichtbar werden.

War Felix Neuendorff bis zum Jahre 1943, dem Ende der veröffentlichten Berliner Adressbücher, in dem Haus „Berliner Allee 71“ stets ansässig und ab 1926 auch regelmäßig als Eigentümer des Hauses eingetragen (einstweilen letzte feststellbare Datierung seines Namens am 19. August 1945, siehe Anm. [115c]), lassen sich die Einträge zu Paul Moll alsbald auf mehrere Personen dieses Namens beziehen oder verlieren sich zum Teil auch ganz. Felix Neuendorff war daher in den 1930er und 1940er Jahren vermutlich wieder Alleinbesitzer der Druckerei und könnte Paul Moll um 1914 als Kompagnon, Teilhaber oder Mitarbeiter in seiner Druckerei beschäftigt haben, worauf auch die Namenfolge in „Neuendorff & Moll“ deutet.




Kapitel 6
Musik


Lehrer

Die umfassendste Übersicht über die musikalische Ausbildung von Fritz Windisch erhält man in der 10. Auflage von Hugo Riemanns Musik-Lexikon, die 1922 erschien; andere Nachschlagewerke zur Musik wiederholten offenbar zumeist aus dieser Ausgabe ihre Informationen über Windisch, darunter auch höhere Auflagen des Riemann Musik-Lexikon. Zwar hatte Riemann noch die 9. Auflage seines Musiklexikons (1919) selbst betreut, [72] doch nachdem er am 10. Juli 1919 verstorben war, hatte Alfred Einstein das für die geplante Neuauflage Begonnene weiter- und zu Ende geführt. Später übernahm Einstein auch die Bearbeitung der 11. Auflage von 1929. Die Angaben über Windisch gehen damit vermutlich auf Einstein zurück, denn ein Artikel über Windisch fehlt noch in der 9. Auflage des Lexikons. Der Text der 10. und 11. Auflage ist weitgehend derselbe und wurde nur im Hinblick auf die Herausgeberschaft von Melos aktualisiert. Dies gilt auch im Wesentlichen für die Angaben in dem Neuen Musiklexikon (1926), das Einstein übersetzte und bearbeitete. [73]

Genannt sind in der Ausgabe von 1922, deren Vorwort Einstein mit dem 27. September 1922 datierte, als Windischs Lehrer Hugo Venus (Geige) [74], Richard Francke (Klavier, Kontrapunkt) [75], Hugo Riemann [76] und Max Friedlaender [77] (beide Musikwissenschaft). Infolge des Fehlens anderer mir vorliegender Quellen lässt sich sagen, dass der Unterricht bei diesen Lehrern nur bis ins Jahr 1922 festgehalten sein kann. Ob Windisch nach diesem Zeitpunkt einen begonnenen Unterricht fortsetzte oder noch andere Lehrer hatte, ist mir unbekannt.

Im Hinblick auf die musikalische Betätigung von Fritz Windisch überlieferte sein Sohn, Christian Windisch, Berlin, Anfang Februar 2012 über seinen Vater:

    „Solange ich zurückdenken kann, hat er seine Geige nie wieder in die Hand genommen (meinen jugendlichen Wunsch, mir ein Saxophon anzuschaffen, hat er mir vehement ausgeredet – stattdessen schenkte er mir ein Paddelboot und ein Rennrad).“ [77a]

Trotz dieser Begebenheit scheint Fritz Windisch in seinen frühen Jahren seine Violine durchaus hoch geschätzt zu haben, denn von Hans Sufka, einem einstigen Kriegskameraden, heißt es über die in Flandern 1915 gemeinsam verbrachte Zeit:

    „Ich erinnere mich noch, dass er [der Matrosen-Artillerist Fritz Windisch] sich aus der Heimat seine Violine schicken liess, um uns [einem kleinen Kreis von Kompanie-Kameraden] in den vielen trüben Stunden, die w[i]r damals durchmachen mussten, auf frohe Gedanken zu bringen, was ihm auch meistens restlos gelungen ist.“ [77b]

Fritz Windischs Bratschenspiel wird in der Übersicht der „Melos“-Veranstaltungen (Saison 1921/22) am 7. März 1922 sichtbar, wo er dieses Instrument in Paul Hindemiths Des Todes Tod (3 Lieder nach Gedichten von Eduard Reinacher für Frauenstimme mit Begleitung von 2 Bratschen und 2 Celli) zusammen mit der Sängerin Nora Pisling-Boas und Mitgliedern des Lambinon-Quartetts spielte (vgl. in der Übersicht, die Spalte ganz rechts: „Ausführende“, Zeile 6 von unten). Es handelte sich offenbar um die erste öffentliche Aufführung des Werkes, das sechs Wochen zuvor am 24. Januar 1922 in privatem Rahmen von Nin(n)i Kohler, Gesang, mit derselben Quartettvereinigung aufgeführt worden war. [77c]



Kompositionen

Zunächst seien alle jene Kompositionen von Windisch genannt, die in den Lexika der 1920er Jahre verzeichnet sind, wobei erneut zuerst auf Hugo Riemanns Musik- Lexikon von 1922 zu verweisen ist. [78] In dem Artikel über Windisch sind folgende Werke aufgeführt, die somit kaum viel später als 1922 entstanden oder abgeschlossen sein können: 3 Stücke für Streichquartett; Lieder mit Begleitung von einzelnen Instrumenten; Klangvisionen (Einzel- und Zwiegesänge für Streich- und Holzblasinstrumente); Terzette für Soloinstrumente und Menschenstimme; Klavierstücke; a cappella-Chöre. [79]

Auch diese Angaben wurden zum Teil von späteren Musiklexika übernommen. In seinem Deutschen Musiker-Lexikon (1929) erwähnte Erich H. Müller jedoch als Werke Fritz-Fridolin Windischs einzig folgende neun Lieder: „op. 6–8: je 3 Ldr [Paragon-Vlg. Berlin]“, wobei die Verlags-Ergänzung in eckigen Klammern auf Müller zurückgehen müsste. Gleichwohl beziehen sich die hier mitgeteilten Angaben auf einen „Windisch, Hans“ und nicht auf „Windisch, Fritz-Fridolin“, wie man aus Hofmeisters Musikalisch-literarischem Monatsbericht ersehen kann. [80] War Hans [Johannes] Windisch [Windisch-Sartowsky] auch ein Bruder von Fritz Windisch [81], so handelt es sich bei Müllers Angaben aller Wahrscheinlichkeit nach um eine Verwechslung, zumal Fritz Windisch seine Werke sonst nirgends mit Opuszahlen versah.

Zwei Sätze von Windischs Klangvisionen wurden 1920 als Notenbeilage von Melos verwendet, und sie gehören vorerst zu den wenigen Kompositionen, die sich von Windisch überhaupt auffinden ließen. Diese Noten sind, wie Melos selbst, bei „Neuendorff & Moll“ in Berlin-Weißensee verlegt, doch wurde am unteren Rand der Seite die „Berliner Musikalien Druckerei G.m.b.H.“ für den Notensatz benannt. Es handelt sich um ein erstes Stück für Violine solo sowie ein zweites für Violine und Bratsche. Ebenso wurden Windischs kurze Klavierstücke Vier Charaktere ([1] Sehr leidenschaftlich, [2] Getragen und ganz zart, [3] Gotesk (sehr belebt), [4] Unbändig) als Beilage des Melos-Heftes 10 aufgenommen (erschienen am 1. August 1921). Windischs Zweigesang für Bratsche und Fagott (I. Satz), am Ende datiert „1920“, erschien als Notenbeilage zu Melos, 3. Jg., Heft 5/6, Berlin, im August 1922. [82]

Hinzu kommt schließlich noch die Komposition Nacht. 4 Gesänge für Bassbariton und Solo-Instrumente aus dem Jahre 1920, Texte von P. G., die am 12. Mai 1923 in Berlin-Dahlem ihre „Erst-Aufführung“ im Landhaus von Herbert Graf hatten. [82a] Möglicherweise gibt es hier einen Zusammenhang mit jenen Liedern, die oben in Hugo Riemanns Musik-Lexikon von 1922 als „Lieder mit Begleitung von einzelnen Instrumenten“ erwähnt wurden.

Ohne Kenntnis weiterer Werke scheint es mir freilich nicht angebracht, etwas über die Kompositionen von Windisch zu sagen, und so mag es einstweilen bei diesen bibliografischen Andeutungen bleiben. [83] 



Die Widmung von Ludwig Weber

Schließlich ließ sich aus dem Bereich der Kunst noch ein einziges Fritz Windisch gewidmetes Werk finden, das zumindest am Rande erwähnt sei. Es handelt sich um die Streichermusik von Ludwig Weber (geb. 1891 in Nürnberg, gest. 1947 in Borken, Westfalen), ein einsätziges Quartett, das chorisch oder solistisch, also in der Besetzung für Streichorchester oder Streichquartett, aufgeführt werden kann und das 1927 (nach anderen Quellen 1928) bei Kallmeyer in Wolfenbüttel und Berlin verlegt wurde. [84] Entstanden war das Werk 1920 oder 1921 als Streichquartett II. In Melos (Juni 1921) erschien als Notenbeilage Ludwig Webers Glosse zum II. Streichquartett für Klarinette allein, die aber keinerlei Widmung enthielt. [85]



„Melos“


Der Name „Melos“

Zur Frage, woher die Bezeichnung „Melos“ ursprünglich kam, die nicht nur der Zeitschrift Melos, sondern auch der „Melos-Gemeinschaft“, dem „Melos-Verlag“, den „Melos-Konzerten“ und den mit letzteren wohl identischen „Melos-Abenden“ sowie später der „Melosbücherei“ den Namen gab, begegnet man im Wesentlichen zwei Erklärungen. Beide lassen sich bisher nicht belegen und sind im Allgemeinen wenig bekannt, doch sind sie von den Umständen der Gründung bedingt, schließen einander nicht aus und sind keineswegs unwahrscheinlich. Beiden Erklärungen liegt der musikalische Fachbegriff des „Melos“ zugrunde, welcher eine von Rhythmus und Harmonik freie Tonfolge und somit eine Bewegung der Tonhöhen ohne sonstige Bestimmung beschreibt. [86] Darüber hinaus versuchte man natürlich, durch den Begriff „Melos“ etwas Weltanschauliches anzudeuten, das sich in dem Namen spiegelte, etwas, das hinzuweisen vermochte auf die in einer Musikzeitschrift oder einem Konzert behandelten Themen und ihre Unabhängigkeit.

Zum einen könnte das Vorbild jene russische Zeitschrift gewesen sein, die auf einer Webseite des Mainzer Verlages „Schott Music“ genannt ist. [87] Dieses russische Periodikum namens Melos, das anfangs Knigi o muzyke [„Books about Music“ (Übersetzung aus dem Russischen von Elina Viljanen)] hieß, von Igor Glebov und Pjotr Suvčinskij herausgegeben wurde und 1917 und 1918 in Sankt Petersburg [1924 bis 1991: Leningrad] erschien, wird mehrfach in der Master Thesis von Elina Viljanen Boris Asaf’ev and the soviet musicology (2005) herangezogen und eingehender beschrieben. [88] Ebenso verweist der Aufsatz über Melos von Stephan Schulze (2001), dessen Angaben die Webseite von „Schott Music“ zugrunde liegt, auf diese Zeitschrift. [89] Doch ob Hermann Scherchen und sein Melos sich wirklich an dieses russische Vorbild anlehnten, ist einstweilen ungewiss, auch wenn es nahezuliegen scheint. [89a]

Zum andern könnte der Name „Melos“ auf die Zusammenarbeit mit Josef Matthias Hauer (1883–1959) zurückzuführen sein, in dessen Musiktheorie das Melos an hervorragender Stelle seines Zwölftonsystems steht. Die wachsende Bekanntheit Hauers und die zunehmende Verbreitung seiner Musik führten dazu, dass auch Hermann Scherchen sein Schaffen kennenlernte und schätzte, dass er Werke von ihm dirigierte und empfahl und er Hauer 1928 „einen der bedeutendsten lebenden Komponisten“ nannte. [90] Scherchen, dessen Begeisterung für Schönberg jene für Hauer wohl weit übertraf und ungleich bekannter ist, pries Schönberg gleich im ersten Heft von Melos im Februar 1920 zwar fast wie einen Heiligen, [91] hatte aber, ebenfalls noch 1920, einen Aufsatz mit dem vorläufigen Titel Ernst Kurth, Josef Hauer und die geistige Wende im Europäertum in Arbeit. Die Übersendung dieses Aufsatzes kündigte Scherchen seiner Frau für den 16. November 1920 aus Berlin an, doch wurde der Text, sofern er überhaupt abgeschlossen wurde, wahrscheinlich nicht veröffentlicht. [92]

Nicht zu übersehen ist der Einsatz der neuen Zeitschrift Melos für J. M. Hauer, denn nicht nur erschienen zwei kurze, aber vollständige Hauersche Werke als Notenbeilage von Melos[93] sondern in einer Fußnote wurde auch die (nicht verwirklichte) Absicht mitgeteilt, Hauers Buch Deutung des Melos im Berliner „Melos-Verlag“ zu veröffentlichen. [94] Zugleich gelangten in der Zeitschrift Melos zwischen 1920 und 1922 fünf Aufsätze Hauers zur Veröffentlichung, wobei es sich zum Teil um Vorabdrucke später noch überarbeiteter Kapitel des Buchs Deutung des Melos handelte. [95] Bereits im ersten Jahrgang von Melos stand ferner der Aufsatz von Egon Wellesz Bemerkungen zu Josef Hauers Schrift vom ,Wesen des Musikalischen‘[96] und als Melos vorübergehend nicht erscheinen konnte, wollte Windisch erneut Musik von Hauer in kleiner Bestzung in der „Melos-Gemeinschaft“ aufführen: Erhalten hat sich eine Postkarte, mit der Windisch Hauer im Oktober 1923 um ein Werk zur Aufführung, „vielleicht eine Anzahl von Klavierstücken“ bat. [97] Dem war vorausgegangen, dass J. M. Hauer und Albert Linschütz im November oder (wahrscheinlicher) im Dezember 1922 nach Berlin oder nach Leipzig, möglicherweise in die beiden Städte kamen, um hier in einem Konzert der „Melos-Gemeinschaft“ „Lieder und atonale Klaviermusik“ von Hauer aufzuführen, wobei Hauer seine Lieder auch selbst sang. [98]

Diese zahlreichen Bezüge zur Musik und zum Melos von Josef Matthias Hauer lassen sich kaum vernachlässigen, denn sie dürften den Beteiligten damals ebenso aufgefallen sein wie uns heute, selbst wenn die angeführten Zusammenhänge zum Teil erst nach Gründung der Zeitschrift entstanden und sich bislang auch nicht, es sei wiederholt, als ausschlaggebend für die Namensfindung nachweisen ließen. Gleichwohl wäre es ein Zusammentreffen, das sich im Augenblick nicht durch Zurückstellung oder Betonung des ein oder anderen entscheiden lässt. – Auch ist der Einfluss Hauerscher Theorien auf Fritz Windisch zumindest vorstellbar, denn die Charakterisierung von Windischs Kompositionen mit einer „rein melodisch bedingte[n] Stimmführung“ (Hugo Riemanns Musik-Lexikon, siehe oben) – weist unter Umständen in diese Richtung.

Gleichwohl ist in den „Melos-Konzerten“ bereits der äußere Einfluss Schönbergs unverkennbar. Wenn man die Stücke zweimal zu Gehör brachte oder in dem Programmblatt darum ersuchte, „von Beifalls- oder Mißfallens-Bezeugungen bitte höflichst abzusehen“, orientierte man sich fraglos an den Richtlinien des von Schönberg im November 1918 in Wien gegründeten „Vereins für musikalische Privataufführungen“. [99] Am 26. Januar 1920, also in der Woche vor dem Erscheinen des ersten Melos-Hefts, schrieb Scherchen einen vierseitigen Brief an Schönberg und teilte diesem unter anderem mit: „Leider muß ich heut [sic] bei geschäftlichen Dingen bleiben: ab 1. Februar erscheint unter meiner Schriftleitung eine Halbmonatsschrift für Musik ,Melos‘ hier in Berlin, die von einer hohen geistigen Warte aus theoretisch dieselben Probleme zu lösen sucht, welche praktisch durch meine Aufführungen schon zur Diskussion gestellt sind.“ Dann bittet Scherchen Schönberg, auch Anton Webern und Alban Berg zur Mitarbeit an seiner Zeitschrift zu bewegen, und gibt schließlich nochmals seiner Bewunderung für Schönberg in einer teilweise an Unterwürfigkeit grenzenden Art Ausdruck: „Und jetzt möchte ich Ihnen noch einmal Dank sagen: Ihnen, der Sie als schöpferischer Mensch für mich das Ereignis meines Lebens sind, wie Rußland es mir in anderer Weise wurde; danken möchte ich Ihnen für die glühende Kraft eines reinen restlos hingegebenen Menschtums, vor dessen Ethos ich mich in tiefer Ehrfurcht beuge.“ [100]

Wie Scherchen Schönberg für sein späteres Leben als richtungweisend empfand, so mag wohl Scherchen selbst Anfang der 1920er Jahre eine Art geistiger Instanz für Windisch geworden sein, der nicht nur, als Scherchen Berlin verließ, Melos übernahm, sondern der auch den „Melos“-Gedanken weiterführte, indem er die „Melos-Gemeinschaft zur Erkenntnis zeitgenössischer Musik“ bzw. die „Melos-Konzerte“ in Berlin und in Leipzig ins Leben rief. Diese Konzerte lehnten sich zwar an die kurzzeitig bestehende „Neue Musikgesellschaft“ Scherchens an und setzten auch in diesem Fall Begonnenes fort, doch sei nicht die Arbeit unterschätzt, die trotz dieser Anlehnung noch zu bewältigen war. Da der Zweck der Vereinigung, wie ihr Name sagte, die „Erkenntnis zeitgenössischer Musik“ [101] war, gab es kein vorliegendes, zur Auswahl stehendes Repertoire. Man konnte nicht wissen, wer was anbieten würde, und Ergänzungen durch neue und ungespielte Werke waren täglich zu erwarten. Deren Verfasser waren oft völlig unbekannt, und ihre Eigenarten und Abhängigkeiten waren erst grundsätzlich zu verstehen, ehe man sich Fragen der Besetzbarkeit zuwandte. Vor falschen Einschätzungen und Fehlgriffen war man dabei keineswegs sicher. Die „Erkenntnis zeitgenössischer Musik“ dürfte daher, wie üblich, zunächst einmal im rein hörenden Kennenlernen und einem ersten Eindruck bestanden haben, so dass man die „Melos-Konzerte“ oder „Melos-Abende“ mit der Absicht gründete, neue Werke möglichst gut zur Aufführung zu bringen, um so eine Art Verbindlichkeit zu schaffen. Das Verfahren, durch Lesen der Musik in das Innere der Kompositionen vorzudringen, spielte damals wie heute eine wohl nur sehr untergeordnete und Wenigen vorbehaltene Rolle, deren Basis ein umfangreiches Wissen auf vielerlei Ebenen und ein geschultes Hören sind. Hier setzten Zeitschriften an, um zwischen Bekanntem und Unbekanntem zu vermitteln, doch mehrten sich zugleich die journalistisch gefärbten Meinungen, privaten Ansichten und persönlichen Urteile, und ein Für oder Wider gehörte gewöhnlich zu den Ergebnissen dieser vermeintlich „sachlichen“ Aufarbeitungen.

Dass Scherchen Windischs Interessen für den russischen Sozialismus und Kommunismus teilte und die neuen Bestrebungen sogar aus eigenem Erleben kennengelernt hatte, mag der Verbindung ebenso förderlich gewesen sein wie der Umstand, dass Scherchen gleich Windisch von Haus aus Streicher war (Violine und Bratsche). Andererseits scheinen die Kontakte, die Windisch zu der Druckerei „Neuendorff & Moll“ hatte, für Scherchen doch immerhin so wichtig und wertvoll gewesen zu sein, dass er hier Programme seiner „Neuen Musikgesellschaft E. V.“ und später auch die Ausgaben der Zeitschrift Melos herstellen ließ. Windisch hatte sicherlich durch den Druck seiner eigenen Schriften im Jahre 1919 manches hinsichtlich der Preise, dem Qualitätsbewusstsein, der technischen Ausstattung, der Anpassungsfähigkeit an die Wünsche der Kunden und der Zuverlässigkeit dieser Druckerei in Erfahrung bringen können, was für weitere Projekte hilfreich gewesen sein mag. Auch dass der Kunsttopf, eine Kunstzeitschrift der bekannten „Novembergruppe“, in dieser Druckerei hergestellt werden konnte, zeigt den hohen Standard der Arbeit, die sich zwar nicht durch eigenen Notensatz (sondern nur die Reproduktion von Handschriften) auszeichnete, die aber farbige Wiedergaben, die für eine Kunstzeitschrift von hervorgehobener Bedeutung sind, sehr wohl erledigte. [101a] Der Druck des Kunsttopfs (alle Ausgaben im Jahre 1920) könnte, da ich vorerst keine andere Erklärung habe, letztlich ebenfalls auf Fritz Windisch zurückgegangen sein, worauf seine Beziehung zur Druckerei „Neuendorff & Moll“ vielleicht deutet. Scherchen übergab sein Melos jedenfalls nicht einem Laien und Unerfahrenen, der zufällig im richtigen Moment zur Hand war und sich nur anbot, sondern einem von der Sache her Begeisterten und selbst künstlerisch Tätigen, der sein Wissen und Können gern in den Dienst dieser Sache stellte und von dem man nicht vorhersagen konnte, in welche Richtung er sich entwickeln würde. Immerhin veröffentlichte Scherchen in jener Zeit, als er noch selbst Herausgeber von Melos in Berlin war, eine ganze Reihe von Originalaufsätzen Windischs, die im Abschnitt Windischs eigene Aufsätze in Melos (1920–1922) benannt werden, ihn zu einem wichtigen Autor machten und die wohl kaum dienen sollten, eine „Verflachung“ von Melos herbeizuführen (siehe hier).  Dass es darüber hinaus auch Divergenzen anstatt nur Übereinstimmung zwischen Scherchen und Windisch gab, dürfte sich am Rande verstehen. [101b]



Windischs „Melos“-Korrespondenz

Windisch trat in seiner Eigenschaft als Nachfolger von Hermann Scherchen mit mehreren heute zum Teil hochangesehenen, ja weltberühmten Musikern brieflich in Verbindung, teils wegen eines Textbeitrags für die Zeitschrift Melos, teils wegen einer Aufführung im Rahmen der von der „Melos-Vereinigung“ veranstalteten Konzerte. Diese Briefwechsel, unter denen die Korrespondenzen mit Paul Bekker und Arnold Schönberg alle anderen mengenmäßig weit übertreffen, fielen sämtlich in die Zeit von 1920 bis 1923, lagen mir aber nicht ausnahmslos vor (keiner der Briefe an Bekker). Genannt sei jedoch, was sich zumindest bibliografisch ermitteln ließ. Die Briefe an und von Johannes Becher (1946) nehmen Bezug auf Furtwänglers Schreiben von 1934, in welchem er „Melos“ erwähnte (siehe hier).

Zu dem Aufgenommenen kommen mehrere Briefe aus dem Berliner Nachlass von Fritz Windisch (FWN) hinzu, deren Verfassernamen in der Handschrift nicht deutlich lesbar war und die zum Teil auch undatiert sind.


    Briefe und Postkarten von und an Fritz Windisch

    Ansermet, Ernest: 20. Juli 1922, 1 Brief, FWN
    Bartók, Béla: 20. Dezember 1922 und ?, 2 Briefe, FWN
    Becher, Johannes Robert: 23. März 1946, 1 Brief, FWN
    Bekker, Paul: 1920–1921, 14 Briefe von Windisch [102]
    Berg, Alban: 1922, 1 Postkarte von Windisch [103]
    Busoni, Ferruccio: 1921–1922, 3 Briefe von Windisch [104]
    Erdmann, Eduard: 1919–1921, 1 Brief und 1 Postkarte von Windisch [105]
    Erdmann, Eduard: 11. Juli 1922 (nur Unterschrift von Erdmann; s. Křenek),
         1 Brief, FWN
    Furtwängler, Wilhelm: 5. März 1934 (Schreiben für Windisch), FWN
    Halm, August: 1921, 1 Brief von Windisch [106]
    Hauer, Josef Matthias: 1923, 1 Postkarte von Windisch [107]
    Holle, Karl (Dr.), 26. März 1922, 1 Postkarte, FWN
    Jarnach, Philipp: 5. u. 19. Juli sowie 7. September 1922, 3 Briefe, FWN
    Knöth, Heinrich (Dr.): 6. August 1922, 1 Brief, FWN
    Křenek, Ernst: 11. Juli 1922, 1 Brief (von Eduard Erdmann [s. o.]
         mitunterschrieben), FWN
    Luedtke, Hans (Dr.): 21. September 1922, 1 Brief, FWN
    Schönberg, Arnold: 1921–1923, 10 Briefe von Windisch an Schönberg,
         3 Briefe von Schönberg an Windisch [108]
    Simon, James: 23. Juli 1922, 1 Brief, FWN [108a]
    Stuckenschmidt, Hans Heinz: 26. Juli 1922, 1 Brief, FWN [108b]
    Stürmer, Bruno: 24. Juli 1922, 1 Brief, FWN
    Tiessen, Heinz: 1922, Briefe von Windisch, 3 Blatt [109] 
    Windisch, Fritz an Becher, Johannes [s. o.]: 22. Februar 1946,
         1 Brief in Abschrift, FWN



Windischs eigene Aufsätze in Melos (1920–1922)

Ohne auch hier inhaltlich auf die Aufsätze im Einzelnen einzugehen, seien die in Melos erschienenen Originalarbeiten Windischs chronologisch geordnet und mit bibliografischen Daten erfasst. Wie man schnell sieht, fallen die ersten sechs von insgesamt zehn hier genannten Veröffentlichungen in die Zeit, als Hermann Scherchen noch Herausgeber von Melos war (Februar 1920 bis zur Übergabe an Windisch am 1. Mai 1921).
 

    1.)  Musikphysiologie
    in: Melos, 1. Jg., Nr. 2, 16. Februar 1920, S. 44

    2.)  Reger's Verhältnis zur Tonalität
    in: Melos, 1. Jg., Nr. 4, 1. April 1920, S. 83–86

    3.)  Willem Mengelberg
    in: Melos, 1. Jg., Nr. 6, Berlin, 1. Mai 1920, S. 148

    4.)  Der Kampf der Orchester.
    Zersplitterungskrise in den festangestellten Orchesterverbänden

    in: Melos, 1. Jg., Nr. 19, Berlin, 14. November 1920, S. 448–450
    Die Verfasserschaft des Artikels geht aus dem Index von  Nr. 19, S. (433) sowie des Jahrgangs auf S. 505, linke Spalte hervor.

    5.)  Berufsreinheit im Musikerstand
    in: Melos, 1. Jg., Nr. 20, 1. Dezember 1920, S. 469–470

    6.)  Bücherbesprechungen (F. F. Windisch über die Reihe
    Musikalische Stundenbücher, München: Drei Masken Verlag)
    in: Melos, 2. Jg., Nr. 4, 16. Februar 1921, S. 82

    7.)  Musik und Menschheit
    in: Melos, 2. Jg., Nr. 7, 1. Mai 1921, S. 129–130

    8.)  Diesseits des Nürnberger Trichters.
    Finstere Perspektiven vom 51. Tonkünstlerfest in Nürnberg
    in: Melos, 2. Jg., Nr. 9, Berlin, 1. Juli 1921, S. 191–192

    9.)  Die Musikverhältnisse in Italien
    und der erste Italienische Musikkongreß
    in: Melos, 3. Jg, Nr. 1, 1. November 1921, S. 12–13

    10.)  Harmonie
    in: Melos, 3. Jg, Nr. 4/5, August 1922, S. 189–191 [110]



Der „Melos-Verlag“

Die Entstehung des „Melos-Verlags“ war zunächst wohl erfolgt, um der neuen Zeitschrift Melos einen eigenen Verlag zu geben und damit seine Unabhängigkeit von anderen Interessen hervorzuheben. Die ersten Jahre des „Melos-Verlags“ scheinen freilich von ständigem Ortswechsel in den Berliner Stadtteilen Weißensee, Niederschönhausen und Friedenau sowie dem Druck entsprechenden Briefpapiers begleitet gewesen zu sein, woraus sich weniger eine charakterliche Unbeständigkeit der Verantwortlichen als das Bemühen ablesen lässt, Theorie und Praxis, Wollen und Können zu vereinbaren, sparsam zu haushalten und gleichzeitig allen ästhetischen Ansprüchen zu genügen. Zu bedenken ist, dass neben Melos alsbald die Veröffentlichung von Büchern zumindest vorgesehen war, wie an Hauers Buch Deutung des Melos noch erkennbar ist. [111] Gleichwohl wurden in der Berliner Zeit von Melos keine Bücher verlegt, und es blieb bei der Zeitschrift. Erst nach der Übernahme des „Melos-Verlags“ durch den Musikverlag B. Schott’s Söhne in Mainz, kam es 1928 in einer neuen Reihe mit dem Namen Melosbücherei zu drei eigenständigen Publikationen von Hans Mersmann, Heinz Tiessen und Heinrich Strobel. [112] Aber auch diese Bücher entwickelten sich nicht zu dem Anfang einer großen Reihe und gerieten unter dem wirtschaftlichen und politischen Druck der letzten Jahre der Weimarer Verfassung nicht von der Peripherie ins Zentrum der Aufmerksamkeit, auch wenn man sich in Mainz sichtlich um übergreifende und populärere Themen bemüht hatte.

Legt man die Angaben der Berliner Adreßbücher zugrunde, ergibt sich folgendes Bild: Der „Melos-Verlag“ bestand seit 1921 und war anfangs in den Räumen der Druckerei „Neuendorff & Moll“ in der Berliner Allee 71 in Berlin-Weißensee untergebracht. [113] Dieser Einbezug in die Druckerei ist nicht allein wegen der Adresse des „Melos-Verlags“, sondern auch wegen ihrer gemeinsam gebrauchten Telefonnummer anzunehmen, denn sie beide stimmten mit den Angaben für die Druckerei „Neuendorff & Moll“ überein. [114]

Im Jahr 1922 änderte sich die Anschrift des „Melos-Verlags“ in „Berliner Allee 57“ – nur wenige Häuser von der alten Adresse entfernt –, wo der Verlag nun offenbar von „H. F. C. Bergmanns Verlagsgesellschaft“ mitbetreut wurde; [114a] vielleicht gab es hier aber nur größere, besser geeignete oder preiswertere Räume. Zugleich wurden die zwei Telefonnummern von „Bergmanns Verlagsgesellschaft“ auch unter dem „Melos-Verlag“ verzeichnet. [115] 

Am 1. November 1922 erschien im Impressum von Melos (3. Jg., Nr. 1) ein Hinweis, der die Sachlage nicht gerade vereinfachte, und zwar handelte es sich um die „Anzeigenannahme durch die Annonzen-Expedition Bergufehr“ [sic]. Dieser Name ist unter derselben Adresse „Berliner Allee 57“ ebenfalls im Berliner Adreßbuch (1922, Teil I, S. 193, Sp. [4]) eingetragen, und hier heißt es unter anderem: „Bergufehr“ Neue Wege der Reklame, Inhaber Walther Berg (Kursives in Fettdruck), wobei wieder die Telefonnummern 736 und 653 in Berlin-Weißensee angegeben waren. Die Telefonnummern bezogen sich jedoch außer auf „Bergmanns Verlagsgesellschaft“ auch auf den „Melos-Verlag“. Neben dieser Übereinstimmung traten die Nachnamen „Berg“ und „Bergmann“ auf. Die Unübersichtlichkeit ging jedoch noch einen Schritt weiter, da in der nächsten Nachbarschaft, der „Berliner Allee 62“, ein Kaufmann für Im- und Export namens „Walter Fehr“ wohnte, so dass vielleicht die Zusammenziehung der Namen in dem Kunstwort „Bergufehr“ für „Bergmann und Fehr“ oder „Berg und Fehr“ stand. [115a] Auch wurde etwas später, zur Reichstagswahl am 4. Mai 1924 in München ein Plakat mit einem Hakenkreuz für die „Deutschvölkische Freiheitspartei (Nationalsozialisten)“ als Werbung verwendet; und dieses Plakat war von einer Druckerei mit Namen „Bergufehr“ hergestellt worden. [115b] Ein anderes politisches Plakat wurde von Felix Neuendorff’s Druckerei für den folgenden Anlass angefertigt: Groß-Kundgebung der Christlich-Demokratischen Union im Schloss-Kino von Berlin-Weißensee am 19. August 1945. [115c].

Gleichwohl bin ich mir keineswegs sicher, ob all diese Einzelheiten für die Geschichte von Melos von Belang sind; die Menge der Erklärungsmöglichkeiten wächst nämlich im selben Maße, wie die Eindeutigkeit der Zusammenhänge schwindet. So ließen sich die gemeinsamen Telefonnummern des „Melos-Verlags“ mit einer Druckerei (Neuendorff & Moll), einer „Verlagsgesellschaft“ (Bergmann) und einer Werbeagentur (Bergufehr) beispielsweise auch durch eine vielleicht kostspielige, bürokratische oder zeitraubende Bearbeitung neuer Telefonanschlüsse erklären, welche die eigene Arbeit behinderte und Wege notwendig machte, das geschäftliche Manko zu verringern oder zu umgehen. Es hat aber den Anschein, als sei die Teilung von Rufnummern mit Untermietern ein nicht ungewöhnlicher und häufiger praktizierter Vorgang gewesen, und man sollte diese Möglichkeit gleich anderen bedenken, ehe man eine Zusammengehörigkeit der Firmen unterstellt.

1923 erschien der „Melos-Verlag“ unter Windischs privater Adresse in Berlin-Niederschönhausen in der Lindenstraße 35 b. [116] Im Jahrgang 1924 des Berliner Adreßbuchs ließ sich kein Eintrag feststellen (es müsste sich um jene Pause handeln, in der Melos nicht veröffentlicht wurde), doch trat der Verlag in den Jahren 1925, 1926 und 1927 erneut im Berliner Adressbuch auf: im Einwohnerverzeichnis (Teil I) sowie im Branchenverzeichnis (Teil II) unter der Adresse „Friedenau, Stubenrauchstr. 40“. [117] – Nach 1927 ist kein Eintrag mehr festzustellen, was mit dem Hauptsitz des Verlags, der nunmehr in Mainz beim Musikverlag B. Schott’s Söhne war, übereinstimmt. [117a]

Zu ergänzen ist, dass die Zeitschrift Melos in den ersten Jahren ihres Bestehens von dem Musikverlag „N[ikolas] Simrock G.m.b.H.“ in Leipzig ausgeliefert wurde. Dies war, wie auf dem Umschlag der Einzelhefte zuunterst angegeben, bereits im ersten Jahrgang 1920 der Fall, wo man diese Angabe auf der Nr. 1 der Zeitschrift lesen kann. Spätestens 1924 ging der Vertrieb an Breitkopf & Härtel, Leipzig und Berlin, über.



Die „Melos-Gemeinschaft“ in Berlin und Leipzig

Noch bevor Hermann Scherchen die Zeitschrift Melos ins Lebens rief, gründete er nach seiner Rückkehr aus der russischen Zivilgefangenschaft (1918) in Berlin die „Neue Musikgesellschaft“, die sowohl Kammer- wie Orchesterkonzerte darbot. Auch die Programme dieser Gesellschaft wurden – vielleicht nur zum Teil – bei „Neuendorff & Moll“ in Berlin-Weißensee gedruckt. [118] Die Konzerte waren indes kurzlebig und wurden eingestellt, als Scherchen Berlin verließ und nach Leipzig ging, um hier 1920/21 als Dirigent zu wirken. Diese Verpflichtung führte auch dazu, dass Scherchen die Herausgabe der Zeitschrift Melos Fritz Windisch überließ. Windisch entwickelte jedoch, neben der Weiterführung der Zeitschrift Melos, zugleich eigene Initiativen, indem er auch das Erbe von Scherchens „Neuer Musikgesellschaft“ antrat und, seinen Worten zufolge unter Zurückstellung des eigenen Schaffens, die „Melos-Gemeinschaft“ und die „Melos-Konzerte“ gründete und leitete. In seinem Beitrag … ach, wie schießt ihr schlecht! schreibt Windisch 1924 in der Weltbühne:

    „Tatsache ist, daß die Melos-Gemeinschaft und die Melos-Konzerte von mir allein 1921 ins Leben gerufen und selbstständig geleitet worden sind. […] Ein internationales Kulturwerk, das ich neben eignem Schaffen (nicht vorgeführt in den Melos-Konzerten), meiner Tätigkeit als Herausgeber der internationalen Musikzeitschrift ,Melos' und in hartem Kampf um meine materielle Existenz (als Lehrer, Orchesterspieler, Dielengeiger) allein aufgebaut habe, ist mir durch den formellen Akt einer gerichtlichen Eintragung, die mir viel zu gleichgültig war, als daß ich jemals darauf ,gepocht‘ hätte, entrissen worden. Ist das nicht Werkraub?“ [119]

Spricht Windisch in diesem Zitat nur von „1921“ allein von dem Jahr, in dem er die „Melos-Gemeinschaft“ ins Leben rief, so geht aus der folgenden Übersicht hervor, dass in der Konzertsaison 1921/22 insgesamt 13 Kammerkonzerte stattfanden, das früheste  am 26. Oktober 1921, das späteste am 2. Mai 1922. Bei dieser Saison handelte es sich vermutlich um jene Kammermusik-Veranstaltungen der „Melos-Gemeinschaft“, die Windisch als erste betreute.

 

Melos-Gemeinschaft_Konzerte_1921-22

Abb. 6
Übersicht über die Kammermusik-Veranstaltungen 1921/1922 der MELOS-GEMEINSCHAFT Anzeige in Melos, 3. Jg., Nr. 3, Berlin, im Juni 1922, hinterer äußerer Umschlag (FWN)
 

 

Da jedoch ein Inserat der „Melos-Gemeinschaft“ bereits am 1. August 1921 mit dem Hinweis auf die „Kammermusik-Veranstaltungen Oktober 1921 / April 1922“ in Melos erschien, ohne Einzelheiten der Programme zu nennen, [119a]  ist davon auszugehen, dass die Vorbereitungen der „Melos-Gemeinschaft“ etwas früher und spätestens im Juli 1921, wenn nicht unmittelbar nach Scherchens Übergabe der Zeitschrift Melos an Fritz Windisch im Mai 1921 begonnen hatten.

Die undatierten Satzungen der Gemeinschaft, für die eine Eintragung als Verein beim Amtsgericht in Berlin-Mitte vorgesehen war, haben sich im Nachlass Windischs erhalten. [119b] Darüber hinaus wurden als Inserate in Melos sowohl eine Kurzfassung der Satzungen [119c] als auch unter dem Titel Die künstlerische Idee der Veranstaltung eine knappe ästhetische Einführung veröffentlicht. [119d] Der Haupttext letzterer sei noch vollständig zitiert, da Anlass, Geist und Emphase, die für die Gründung notwendig waren, hier deutlich zum Ausdruck kommen. Mit wenigen Worten wurde das Inserat zum Manifest, welches den „erzieherischen, revolutionären Sinn dieser Zusammenkünfte“ hervorhob. Vielleicht handelte es sich sogar – worauf das verwendete Präsens schließen lässt – um eine Form der Bekanntmachung und einen Aufruf zum Beitritt, die dem Zusammenschluss vorausgingen, wenn auch diese Absichten dem Text selbst nicht zu entnehmen sind. Sein Verfasser ist vermutlich Fritz Windisch.
 

    „Die künstlerische Idee der Veranstaltung

    Im Kampf gegen Jahrmarktsbetrieb und Konjunkturschwindel, denen immer zwingender alle geistige Produktion zum Opfer fällt, gründet sich eine Gemeinde, der die geistveredelnde und menschverbrüdernde Kraft der Musik Überzeugung und die Förderung kulturbildender Werte höchster Zweck ist.

    Vermittlung wirklicher Kenntnis, die den oberflächlichen Geist dieses zerrissenen Zeitalters wieder zu liebevoll hingebender Erkenntnis beseelen soll, bildet den erzieherischen, revolutionären Sinn dieser Zusammenkünfte.

    Dargeboten werden bisher unaufgeführte oder wenig bekannte Kammermusikwerke lebender Tonsetzer, bei deren Auswahl weder Richtung noch Nationalität entscheidend sind.

    Die sorgfältige und gründliche Einstudierung der Werke durch hervorragende Solisten wird gewährleistet unter schärfster Kampfansage gegen alles Prominentenwesen und Virtuosentum.

    Jedes Tonwerk gelangt mindestens zweimal zum Vortrag, wobei dem Wunsche einer öfteren Wiederholung nach Möglichkeit entgegen gekommen wird.

    Außerordentlich erwünscht ist der Besuch der Proben, zu denen die Mitglieder besondere Einladungen erhalten und freien Zutritt haben.“ [119e]


In allen diesen Veröffentlichungen wurde Fritz Windisch als künstlerischer Leiter namentlich genannt, zum Teil auch einschließlich seiner Adresse, und man darf wohl davon ausgehen, dass Windisch zu dieser Zeit als Veranstalter eher im Mittelpunkt als am Rande stand, sobald man von der Verbreitung anspruchsvoller Musik der Gegenwart in der deutschen Hauptstadt sprach. Die überlieferten Briefe von und an Windisch (siehe hier) belegen diese Bedeutung auf ihre Weise, denn die Namen vieler seiner Korrespondenten sind eine Empfehlung eigener Art.

Herbert Graf bestätigt in der Weltbühne die Gründung der „Melos-Abende“ durch Windisch, wenn er sagt, dass die „Melos-Abende“ seiner Kenntnis nach „von Fritz Windisch, dem Geistesarbeiter der alten Melos-Gemeinschaft“ stammen. [120] Und auch der Komponist Heinz Tiessen bestätigt: „Vom Jahre 1920 ab stellte der musikbeflissene Mäzen Herbert Graf für die neue Musik und für bedürftige Komponisten großzügig Mittel zur Verfügung; er übernahm die Finanzierung von ,Melos‘. Scherchen ging 1921 als Leiter eines Orchesters nach Leipzig und überließ die Redaktion dem jungen Fritz Windisch, der auch eine ,Melos-Gemeinschaft‘ zur Aufführung moderner Kammermusik gründete.“ [121]

Kantorowicz wies in seinem Aufsatz Werkraub! in der Weltbühne auf Folgendes hin: „Das Ausland hält die Melos-Konzerte für die bedeutendsten Ereignisse des deutschen Musiklebens; die deutsche Musikkritik würdigt das ernste Bemühen.“ (siehe unten). Neben der Übersicht über die Konzerte mit Kammermusik in der Saison 1921/22 (siehe hier) ließen sich zwar einzelne Veranstaltungen feststellen, jedoch mehr durch Zufall als durch systematische Suche, für die, außer Melos selbst, vor allem eine Auswertung der lokalen Berliner Zeitungen in Frage käme. [122] Auf jeden Fall scheint es mir wünschenswert, einen genauen Aufschluss zu erhalten, wie viele Konzerte die „Melos-Gemeinschaften“ unter Windisch und dann unter Jarnach und Tiessen eigentlich veranstalteten, wo und in welchem Zeitraum sie stattfanden und wie die Programme im Einzelnen aussahen.

*

Neben der „Melos-Gemeinschaft“ in Berlin fand eine zweite solche Vereinigung unter demselben Namen offenbar in Leipzig statt, die ebenfalls von Windisch geleitet wurde und auf die er selbst in seinem Lebenslauf IV hinwies (siehe hier). Zwar wird ohne Bezeichnung der Stadt in dem als download zugänglichen Programmblatt von der „6. Melos-Kammermusikveranstaltung“ am Sonntag, dem 29. April 1923, vormittags 11 Uhr gesprochen [123] und als Ort der „Grotrian-Steinweg-Kammermusiksaal“ am „Dittrichring 18“ angegeben. [124] Auf der Rückseite des Programms ist auf das 7. „Melos“-Konzert am „Sonntag, dem 13. Mai 1923, vormittags 11 Uhr“ sowie den Erhalt von „Gastkarten“ bei „Jost“ im „Peterssteinweg 1“ verwiesen, doch kommen beide Straßennamen nicht in Berlin, sondern nur in Leipzig vor. Weitere Nachforschungen ergaben, dass es sich bei „Jost“ um die Leipziger Musikalienhandlung Franz Jost gehandelt haben müsste, die damals am Peterssteinweg 1 ansässig war. [125] Die Hinweise auf Leipzig sind durch alle diese Angaben unzweideutig, besonders durch die beiden in der folgenden Anmerkung angefügten Zeitschriften-Beiträge. Vermutlich fanden dieselben Konzerte sowohl in Leipzig als auch in Berlin statt, da die Entfernung zwischen den Städten (ca. 200 km) an einem Vor- oder Nachmittag mit der Bahn gut zurückzulegen ist. Vielleicht verwendete auch Scherchen seinen Einfluss, um zum Aufbau einer Leipziger „Melos-Gemeinschaft“ beizutragen. [125a]



Herbert Graf

Um die Identität Herbert Grafs (1882–1959) zu untersuchen und den im Folgenden behandelten Skandal besser zu verstehen, sei vorliegender Abschnitt einbezogen. Es bedarf allerdings eines nicht geringen Aufwands festzustellen, wer „Herbert Graf“ wirklich war; denn dieser Name ist, damals wie heute, durchaus verbreitet, und man benötigt weitere, untrügliche Merkmale, um Verwechslungen vorzubeugen. Vermutlich entstand aber durch die Namensgleichheit, die jüdische Abkunft, den gemeinsamen Bezug zur Oper und die schriftstellerische Behandlung der Opern- Thematik bereits mehrfach eine Verwechslung der Tätigkeit des „Melos“-Mäzens mit dem weitaus bekannteren und daher leichter nachzuweisenden österreichischen Opernregisseur Herbert Graf. Letzterer wurde am 10. April 1903 oder, laut anderen Quellen, am 10. April 1904 [126] in Wien geboren und starb am 5. April 1973 in Genf. Aufgrund des durch den Geburtstag berechenbaren Alters fällt es freilich schwer, sich einen Jugendlichen vorzustellen, der „Melos“ finanziell förderte, bei der ersten Ausgabe der Zeitschrift im Februar 1920 aber noch nicht einmal siebzehn oder gar sechzehn Jahre alt war. Zudem passt auch Berlin als Wohnort nicht zu dem „renommierten Opernregisseur“, der zwar vor seiner Emigration in die USA mehrere Jahre lang an deutschen Bühnen wie in Münster, Breslau und Frankfurt am Main, jedoch nicht in Berlin gearbeitet hatte und von dem schließlich eine Tätigkeit als „Bankier“ oder „Prokurist“ einer Bank unbekannt war. [127]

Die Komponisten Heinz Tiessen (1887–1971) und Philipp Jarnach (1892–1982), die nach Windischs Entlassung zu Leitern der „Melos-Gemeinschaft“ wurden, überliefern aber einige Anhaltspunkte, welche in gewisser Weise Aufschluss geben, um wen es sich bei Herbert Graf handelte. So schrieb Tiessen in einem Aufsatz über den Pianisten und Komponisten Eduard Erdmann (1896–1958):

    „Das Interesse an jüngerer Musik, bald nach Kriegsende [Erster Weltkrieg, 1914–1918] erwacht, nahm zu. Ein musikbeflissener Bankprokurist namens Herbert Graf war bereits 1919 zu mir gekommen, um Tonsatzunterricht zu nehmen. 1920 bot er mir an, zur Förderung der jungen Musik und ihrer Vertreter Mittel zur Verfügung zu stellen. Ich riet ihm jedoch, sich an Scherchen zu wenden, zu dem viele Fäden liefen; so ergab es sich, daß Graf viele Jahre hindurch ,Melos‘ am Leben hielt, bevor der Melosverlag später von Schott in Mainz übernommen wurde.

    (Nach 1945 hat Herbert Graf, dem die Ehe mit einer Arierin das Schlimmste erspart hatte, seine eigenen ,Musikblätter‘ herausgegeben. Der dennoch Schwergeprüfte war leider, auch infolge viel erlebten Undanks, so verbittert und eigensinnig geworden, daß seine angeborene Gerechtigkeitsliebe und Zivilcourage mitunter von Voreingenommenheiten getrübt wurde. Sein Verdienst um die neue Musik in den zwanziger Jahren war bedeutend und bleibe unvergessen.)“ [128]

Aus diesen Zeilen Tiessens geht vor allem durch die Erwähnung der Musikblätter. Eine Zeitschrift für alle Gebiete der Musik (siehe hier), die seit ihrem ersten Heft im November 1947 etwa zwölf Jahre lang in Berlin erschienen, [129] deutlich hervor, dass der Bankprokurist und „Melos“-Förderer Herbert Graf ein und dieselbe Person war wie jener Musikschriftsteller Herbert (August) Graf, der sowohl in Kürschners Deutschem Musiker-Kalender 1954 [130] als auch in dem zwei Jahre später veröffentlichten Kürschners Biographischem Theater-Handbuch mit einem Artikel bedacht wurde. Diesen beiden Nachschlagewerken zufolge wurde Herbert Graf am 20. September 1882 in Essen geboren (und war damit gut zwanzig Jahre älter als der Opernregisseur desselben Namens). Einzig Kürschners Theater-Handbuch erwähnt Grafs musikalische Ausbildung in den Jahren 1898–1902 und 1919–1920, wobei aber nicht gesagt wird, wo und bei wem er Unterricht nahm. [131] Ergänzt sei an dieser Stelle, dass Herbert Graf am 24. Oktober 1959 in Berlin-Charlottenburg verstarb und dass der Todesanzeige über seinem Namen als einziger Beruf „Musikschriftsteller“ zu entnehmen war. [132]

 

Briefkopf2

Abb. 7
Briefkopf der Musikblätter,
die Herbert Graf von 1947 bis 1959 in Berlin herausgab. (ChL)

 

Tiessen, ohne dessen Zeugnis mir das gleichzeitige Auftreten zweier verschiedener Personen desselben Namens vielleicht ebenso entgangen oder unklar geblieben wäre, war Augenzeuge, ja Beteiligter der Ereignisse um „Melos“, kannte Graf persönlich und vermittelte zu Hermann Scherchen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wohnte Heinz Tiessen auch weiterhin in Berlin, wo er von 1946 bis 1949 Leiter des „Konservatoriums der Stadt Berlin“ wurde. [133] In den genannten Musikblättern erschien bereits im zweiten Heft des ersten Jahrgangs sein Aufsatz Der Komponist nach der großen Pause (2. Novemberheft 1947, S. 1–4), so dass ein unmittelbarer Zusammenhang mit dieser damals noch neuen Zeitschrift gewährleistet ist. Mit Überraschung sah ich im Findbuch des „Heinz-Tiessen-Archivs“ an der Berliner „Akademie der Künste“, dass Graf und Tiessen miteinander über vierzig Jahre, von 1919 bis in sein Todesjahr 1959, in Briefwechsel gestanden hatten. Auch die Todesanzeigen von Herbert und Elisabeth Graf aus den Jahren 1959 und 1967 waren hier überliefert. Somit könnte bei einer mir derzeit nicht möglichen Auswertung dieser Korrespondenz das ein oder andere zeitgeschichtlich bemerkenswerte Dokument und manches Detail über „Melos“, die Musikblätter oder das persönliche Schicksal von Herbert Graf und seiner Frau noch bekannt werden. [134] Bemerkt sei, dass die Musikblätter, zunächst den leicht abweichenden Untertitel hatten: „Halbmonatsschrift für das Fachgebiet Musik“, wie ein Inserat an folgender Stelle belegt. [134a]

Mögen Tiessens Worte vom „musikbeflissenen Mäzen“ oder „musikbeflissenen Bankprokurist“, die eine von Vorbehalten getragene Einschätzung erkennen lassen, anfangs vielleicht auch gerechtfertigt gewesen sein, so erscheint mir diese Bezeichnung für die späteren Jahre zu streng. [135] Im Vergleich der Berufe Grafs muss seine Arbeit als Prokurist einer Bank nämlich als nur zeitweilige und untergeordnete gelten, sobald man sieht, dass ihr ein mehrjähriges Musikstudium vorausging und sich eine mehrere Jahrzehnte anhaltende Beschäftigung mit Fragen der Musik anschloss. Dieser zweite, ganz der Musik gewidmete Abschnitt seines Lebens ging mit verschiedenen Veröffentlichungen und Herausgaben einher, enthielt den Aufbau einer im Kriege vernichteten Stiftung wertvoller Opern-Drucke („Herbert-Graf-Stiftung“) und endete erst mit Grafs Tod. Allein der Umstand, dass sich Graf „bereits 1919“ gerade an Heinz Tiessen wandte, scheint mir ein gutes Zeichen von Geschmack und Urteilsvermögen zu sein, und grundsätzlich habe ich wenig Zweifel an der Zuverlässigkeit von Tiessens Darstellung. Für vorliegende Abhandlung bleibt indes festzuhalten, dass sowohl Fritz Windisch wie Herbert Graf ihre Berufe wechselten; und führte im ersten Fall der Weg von Kunst, Musik, Literatur und Politik zur Naturwissenschaft, so wurde im zweiten aus dem Musikstudenten, Bank-Prokuristen und „Melos“-Förderer der Musikschriftsteller, Gründer einer eigenen Stiftung und Herausgeber einer Musik-Zeitschrift.

Plausibel erscheinen mir auch Tiessens Worte, dass Herbert Graf jüdischer Herkunft war und durch „die Ehe mit einer Arierin“ von der nationalsozialistischen Verfolgung weitgehend verschont blieb. [136] Zwei Aufsätze, die von Herbert Graf verfasst und signiert sind und beide einen geschichtlichen Bezug zur Oper haben, belegen seine jüdische Abstammung zumindest indirekt, denn sie erschienen in den Jahren 1934 und 1935 in den Monatsblättern des Berliner „Kulturbunds Deutscher Juden“ und in den Monatsblättern des „Jüdischen Kulturbunds Berlin“. [137] In den Monatsblättern von 1933 und 1934 befinden sich darüber hinaus zwei ausführliche redaktionelle Subskriptions-Empfehlungen für Grafs neues Buch Das Repertoire aller öffentlichen Opern- und Singspielbühnen in Berlin von 1771 bis zur Gegenwart, wobei Grafs Adresse für Bestellungen jeweils angegeben ist. [138] Aus den unten zitierten Informationen der „Alten Synagoge“ Essen wie aus dem Essener Stadtarchiv gehen die Abstammung Grafs und seine Beziehung zu Essen deutlich hervor. Sein Vater, Siegfried Graf (1847–1921), war viele Jahre lang Lehrer (1872–1920) und Rektor (1886–1920) der jüdischen Volksschule sowie Synagogen-Kantor in Essen, [139] und er wurde als solcher auch in dem von Stengel und Gerigk bearbeiteten Lexikon der Juden in der Musik (1940) verzeichnet. [140] Darüber hinaus wurde Herbert Graf nach Worten seiner Enkelin (Frau Dr. Christine Ligner) während der Zeit des Nationalsozialismus auch zur Zwangsarbeit in einem Berliner Wasserwerk („Charlottenburger Pumpwerk“) herangezogen. – Der Wiener Opernregisseur Herbert Graf war aufgrund seiner jüdischen Herkunft hingegen nur bis zu seiner „fristlosen Kündigung“ am 22. Mai 1933 in Frankfurt am Main an der Oper sowie am dortigen „Hoch’schen Konservatorium“ tätig, arbeitete dann in Basel und Prag und wanderte in die USA aus, von wo aus er erst 1960 in die Schweiz zurückkehrte. [141]
 

 

Herbert Graf, Portraet

Abb. 8
Herbert August Graf  
(1882–1959)
aufgenommen vermutlich Anfang der fünfziger Jahre
im Foto-Atelier „M[inya] Dührkoop, Berlin W 15, Kurfürstendamm 173–17[4]“ [Stempel]
Herkunft und Kommentar

 

Alles dies scheint mir zu bekräftigen, dass es in Deutschland und Österreich zwei deutschsprachige Personen jüdischen Glaubens mit Namen „Herbert Graf“ gab, die sich beide und teilweise zur selben Zeit mit der Oper befassten, deren Alter sich aber um fast eine Generation unterschied. Im Oktober 1933 und Dezember 1934 wurde indes das neue Buch des einstigen Bankprokuristen und „Melos“-Förderers Herbert Graf in den Berliner Monatsblättern des „Jüdischen Kulturbunds“ vorgestellt und zur Subskription empfohlen, so dass eine Verfasserschaft desselben Musikschriftstellers bei den Aufsätzen Beethovens ,Fidelio‘ und Musikalische Gedenktage im Oktober 1934 bzw. November 1935 naheliegt.

*

Weitere Einzelheiten über Herbert Graf (und damit wieder zu „Melos“ in die erste Hälfte der 1920er Jahre) sind aus einer Passage in Philipp Jarnachs Aufsatz Das Beispiel Busonis ersichtlich. Hier kommt Jarnach auf ein „Melos-Konzert“ im Jahre 1923 in Berlin zu sprechen, wobei er zunächst sagt, dass diese Konzerte „von einem Mäzen finanziert waren“ (S. 261). Er berichtet dann unter anderem, wie Schönberg, der in Berlin auf der Durchreise war, sich mit einem „großen Schlapphut“ vor dem Gesicht unter das Publikum mischte, um nicht erkannt zu werden, denn ein Stück von ihm, das Streichquartett Nr. 1 in D-Moll, op. 7, kam zur Aufführung, und er wollte es „furchtbar gern“ hören. Jarnach eilte noch vor dem Konzert ins Künstlerzimmer, um Paul Hindemith, der in dem Quartett Bratsche spielte, die Anwesenheit Schönbergs mitzuteilen. Danach fährt Jarnach in seinen Erinnerungen fort:

    „Sie [die Mitglieder des Amar-Quartetts] spielten in der Aufführung nur um so schöner; Schönberg war glücklich.

    Wir schleppten ihn [Schönberg] am selben Abend mit zu dem Mäzen der Melos-Konzerte, zu Herbert Graf, der in Dahlem wohnte. Dort kamen wir auf die Idee, ihm Jazz-Platten auf dem Grammophon vorzuführen. Er war bezaubert.“ [142]

Um dem Hinweis auf Grafs Wohnort in Berlin-Dahlem zu folgen, waren erneut die Berliner Adressbücher heranzuziehen, wobei in der Ausgabe von 1924 stand:

    „[Graf] — Herbert, Bankprokurist, Dahlem, Hechtgraben Nr. 6. 8 [sic]
    E[igentümer des Hauses] T[elefon] St[ephan (Fernmeldeamt)] 4298“ [143]

Wie spätere Berliner Adressbücher zeigen, lautet die Dahlemer Adresse richtig „Hechtgraben Nr. 6–8“. Bei der Durchsicht der Adressbücher wurde auch deutlich, dass Graf bereits 1921 als Prokurist der „Deutschen Bank“ in Berlin beschäftigt war, was sich durch eine Anfrage beim „Historischen Institut“ der „Deutschen Bank“ in Frankfurt am Main für die frühen zwanziger Jahren (bis etwa 1925) bestätigen ließ. [144] Ein weiteres Zurückgehen in den Adressbüchern ergab, dass Graf den Beruf eines „Bankbeamten“ in Berlin seit spätestens 1916 ausgeübt hatte; wohnhaft war er damals in der Württembergallee 8 oder 9 in Berlin-Charlottenburg. [145]

Hinzuweisen ist darauf, dass auch Graf in seinem Landhaus in Berlin-Dahlem Konzerte mit „Erst-Aufführungen zeitgenössischer Kammermusik“ durchführte, welche durch ein Programm im Nachlass Fritz Windischs überliefert sind (siehe hier). Die zwei Konzerte, von denen nicht gesagt werden kann, ob sie Teil einer Reihe oder nur ein Einzelfall waren, fanden am 12. und 13. Mai 1923 statt. Das erste Konzert enthielt 1.) von Alois Haba die sechs Klavierstücke op. 6, gespielt von Felix Petyrek; 2.) von Fritz Windisch die Komposition „Nacht“, 4 Gesänge für Bassbariton und Solo-Instrumente aus dem Jahre 1920, Texte von P.G., Leitung: G[ustav] Havemann, Gesang: Conrad Sucker; 3.) von Felix Petyrek „Aus den 13 kleinen Klavierstücken“ (1922), gespielt vom Komponisten; 4.) von Giovanni Platti [ca. 1697–1763] die Sonate G-dur für Flöte und Cembalo, bearbeitet von Philipp Jarnach (1923), gespielt von Alfred Lichtenstein, Flöte, und Philipp Jarnach, Klavier. Alle Darbietungen seien Uraufführungen, hieß es im Programm. Das zweite Konzert am darauffolgenden Tag begann mit der Uraufführung von Paul Hindemiths Sonate für Cello, Solo (op. 25,III), gespielt von Maurits Frank. Dann folgten von dem tschechischen Komponisten Ladislav Vycpálek [1882–1969] drei Lieder aus dem Liedercyclus „V boží dlani“ (In Gottes Hut) op. 14 von 1916, gesungen von Nora Pisling-Boas, am Klavier begleitet von Felix Petyrek. Abschließend wurde das Streichquartett, zweiter Teil, op. 16 (1923) von Philipp Jarnach „zum ersten Mal in Berlin“ aufgeführt; Interpret war das Amar-Quartett aus Frankfurt am Main mit Licco Amar, Walter Caspar, Paul Hindemith und Maurits Frank.

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Über die Herkunft, die verwandtschaftlichen Verhältnisse und damit auch indirekt das Schicksal von Herbert Graf kann ich aus dem Archiv der „Alten Synagoge“ in Essen noch folgende Angaben weitergeben:

    „Der Vater Herbert Grafs (vollständig: Herbert August Graf) war Siegfried Graf (geb. 1847, gest. 1921 in Essen), seine Mutter hieß Lina, geb. Levi (geb. 1851 in Rexingen/Württemberg, gest. 1940 in Hamburg an den Folgen eines Unfalls).

    Siegfried Graf war Lehrer an der Jüdischen Volksschule Essen, von 1886–1920 auch Rektor dieser Schule. Außerdem fungierte er als Kantor in der Synagoge [145a].

    Herbert Graf hatte noch eine Schwester, Auguste Johanna, geb. 1884. Sie war verheiratet mit Adolf Peine, einem Kaufmann aus Hamburg. Die Mutter Lina zog 1925 zu ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn nach Hamburg. Auguste Peine wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert. Dort starb sie vermutlich; es gibt keinen Todesnachweis. [146]

    Im Archiv der ALTEN SYNAGOGE findet sich die Kopie eines Briefes, den Herbert Graf am 21.4.1940 an die Stadtverwaltung Essen richtete. Darin bittet er um die Bestätigung seines ,heimattreuen Verhaltens‘ und distanziert sich entschieden von seiner jüdischen Abstammung. Er betont, dass er väterlicherseits ,arische‘ Vorfahren habe – bis zum Großvater, der eine Jüdin heiratete und zum Judentum übertrat. Auch sein Vater habe eine Jüdin geheiratet. Er selbst betont sein ,arisches‘ Aussehen und seine stets nationale Gesinnung. Er sei verheiratet mit einer ,arischen‘ Frau, seine Kinder [146a] gehörten der christlichen Religion an. Als Beruf gibt er Schriftsteller an.

    Auf dem Brief findet sich ein Ablehnungsvermerk der Stadtverwaltung Essen vom 30.4.1940 mit den Worten ,Eine Antwort erübrigt sich‘.“ [147]

Aus dem „Haus der Geschichte“, Stadtarchiv Essen, Tagebuch-Nr. 41-3-1785/10) erfuhr ich am 6. Januar 2011 ergänzend, [148] dass die „Schulfestschriften“ der Oberschulen in Essen keine Angaben über einen Abiturienten namens Herbert Graf enthalten, und ein Bruder, Lothar Graf (geb. am 7. Mai 1878 in Essen), das Essener „Burggymnasium“ besucht habe. Dieser Bruder sei 1911 in Berlin als Assessor a. D. verstorben. Ein Brief hat sich im Stadtarchiv Essen jedoch erhalten, den Herbert Graf am 28. Dezember 1954 wegen eines künftigen Aufsatzes in seinen Musikblättern über die Essener Folkwangschule schrieb. Gerichtet war dieser Brief an den Leiter der 1927 gegründeten „Folkwangschule für Musik, Tanz und Sprechen“, den Komponisten und Dirigenten Prof. Anton Hardörfer [149]. Graf benannte hier unter anderem jene Personen in Essen, denen er sich auf musikalischem Gebiet besonders verpflichtet fühlte, wobei er Prof. Ludwig Riemann, der die letzten Jahrzehnte seines Lebens in Essen verbracht hatte, als seinen Lehrer bezeichnete:

    „Das Interesse für Essener Angelegenheiten ist in erster Linie darauf zurückzuführen, daß ich selbst gebürtiger Essener bin. Ich lebe zwar schon fast 50 Jahre in Berlin [150], habe aber nie den Konnex mit meiner Heimatstadt verloren, obwohl ich dort keine Angehörigen mehr besitze. Zuerst stand ich mit dem Städt[ischen] Musikdirektor G[eorg] H[endik] Witte [151] in Verbindung, dann bis zu seinem Tode (1927) mit meinem Lehrer Prof. Ludwig Riemann, [152] mit dem ebenfalls verstorbenen Stadtbibliotheksdirektor Dr. Sulz [153] (der dort auch meine Stiftung, eine Musterbibliothek wertvoller Operndrucke [handschriftliche Einfügung:] kurz ,Herbert-Graf‘-Stiftung genannt [wieder  masch.:] – im Kriege leider völlig vernichtet – verwal[te]te.)“ [154]

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Von der Berliner „Stiftung Neue Synagoge – Centrum Judaicum“ erhielt ich im April 2011 folgende Auskünfte über Herbert Graf: Graf habe die NS-Zeit in Berlin überlebt, da er eine „privilegierte Mischehe“ geführt habe (verheiratet seit 1920) und folglich nicht zum Tragen eines gelben Sterns verpflichtet gewesen sei. Er galt jedoch als „Volljude“ und war Mitglied der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Als solcher füllte er auch am 12. Januar 1946 einen Fragebogen der Gemeinde aus, wobei er angab, seit 1934 „Tätigkeitsverbot“ gehabt zu haben. Außerdem wurde er mehrfach kurz verhaftet, doch machte er keine genaueren Angaben hierüber. Im Mitgliederverzeichnis der Jüdischen Gemeinde zu Berlin von 1947 ist er enthalten. In einer im „Centrum Judaicum“ überlieferten Kartei von Antragstellern auf eine Anerkennung als „Opfer des Faschismus“ ist eine Karte zu Graf vorhanden unter der Signatur: CJA, 4.1, Nr. 1; OdF-Kartei (die Karte wurde mir im April 2011 als Scan zugänglich gemacht). Allen diesen Quellen zufolge wohnte Graf damals unter der Adresse: [Berlin-]Charlottenburg, Kaiserdamm 18. Die Karte schließt hinter dem Vordruck „Anerkannt, weil“ mit der handschriftlichen Eintragung: „priv[ilegierter] jüd[ischer] T[eil]“, wobei ich im Rahmen der Auflösung der Abkürzungen darauf aufmerksam gemacht wurde, dass jene Personen, die diese Karten ausfüllten, sich noch an der im Nationalsozialismus gebrauchten Terminologie orientierten. [154a]

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Nicht geklärt ist bisher, aus welchen Quellen die finanziellen Mittel Grafs stammten; denn bei aller Hilfsbereitschaft dürften weder sein eigener Verdienst als Bankprokurist noch das Gehalt seines Vaters als Volksschullehrer oder -rektor ausgereicht haben, höhere Beträge zu erübrigen. Auch die „Herbert-Graf-Stiftung“ (siehe hier), der zeitweilige Besitz eines Landhauses in Berlin-Dahlem (siehe hier), darin stattfindende Konzerte mit zeitgenössischer Musik (siehe hier) und andere Anzeichen erlauben den Schluss auf Wohlhabenheit.

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Als Melos zu Beginn des Jahres 1927 vom Verlag „B. Schott’s Söhne“ in Mainz übernommen wurde, wurde auf der allerersten Seite des 6. Zeitschriften-Jahrgangs (Heft 1, Januar 1927) auch der Verdienste Herbert Grafs gedacht (wobei mir die Bezeichnung eines „Herausgebers“ nicht ganz klar ist, denn Graf wurde meines Wissens niemals offiziell als Herausgeber von Melos so benannt). Am Ende hieß es:

    „An dieser Stelle gedenken wir des bisherigen Herausgebers, HERBERT GRAF, Berlin, welcher die Zeitschrift vom ersten Jahrgang ihres Bestehens an aus eigenen Mitteln allein getragen hat. Der Name dieses Mannes, der das Fortbestehen der Zeitschrift durch grösste Opferwilligkeit und selbstloseste Arbeitsbereitschaft bis zu diesem Zeitpunkt ermöglicht hat, ist in ihren Blättern niemals genannt worden. Dies jetzt mit allem Nachdruck zu tun, erscheint uns als unsere vornehmste Pflicht der Dankbarkeit und Anerkennung.
                                                                                           DER VERLAG“

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Am 28. April 2013 erhielt ich von der Ärztin Frau Dr. med. Christine Elisabeth Ligner, Birkenwerder, eine E-Mail, in der sie zunächst sagte, dass sie „die Enkelin von Herrn Herbert Graf“ sei. Dann erwähnte sie, dass sie meinen Aufsatz über Fritz Windisch und besonders den Abschnitt über Herbert Graf im Internet gelesen habe, und äußerte sich in diesem Zusammenhang durchaus positiv darüber, dass ich die Verwechslung mit dem österreichischen Regisseur, der ebenfalls Herbert Graf hieß, vermieden hatte. In den folgenden Monaten korrespondierten und telefonierten wir, wodurch es mir möglich war, den Abschnitt über Herbert Graf zu erweitern und mit originalen Dokumenten zu versehen, zu denen auch der Briefkopf der Musikblätter und das hier reproduzierte Porträt-Foto (Abb. 7 und 8) gehörten. Frau Dr. Ligner besaß indes noch persönliche Erinnerungen an ihren Großvater, bei dem und seiner Frau sie eine Zeitlang in der Berliner Straße „Kaiserdamm 18“ gewohnt hatte, und benannte mehrere Quellen in Familienbesitz, von denen ich nichts wusste und die nirgends nachschlagbar waren. (Die Quellen der Informationen sind im Haupttext oder in den Anmerkungen genannt.) Frau Dr. Ligner sei an dieser Stelle für ihr großes Entgegenkommen herzlich gedankt. Eine Webseite, die Herbert Graf gewidmet ist, ohne die obenstehenden Informationen nur zu wiederholen, gründet ebenfalls auf ihren Unterlagen und behandelt eine spezielle Thematik aus dem Nachlass ihres Großvaters: Herbert Grafs Gästebuch.

Ein dreibändiges Handbuch der Oper von Herbert Graf wurde vermutlich nicht abgeschlossen. Mehr dazu findet sich in Anm. [5] der zuletzt verlinkten Webseite.



Ein Skandal und sein Nachspiel in der Weltbühne

Unmittelbar vor Beginn eines „Melos-Konzerts“ mit der Aufführung von Arnold Schönbergs Pierrot lunaire kam es am Sonnabend, dem 5. Januar 1924 [154b] zu einem außergewöhnlichen Vorfall, über den Hans Heinz Stuckenschmidt in seiner Schönberg-Biografie berichtet:

    „Mit der [Sopranistin Marie] Gutheil-Schoder hatte die äußerlich glanzvollste Aufführung des Werkes [Pierrot lunaire] am 5. Januar 1924 in der überfüllten Berliner Singakademie stattgefunden. Unter der Leitung Fritz Stiedrys spielten der Geiger Boris Kroyt, der Cellist Gregor Piatigorski, der Flötist [Paul] Bose und der Klarinettist Alfred Richter. Am Flügel saß Artur Schnabel. Veranstalter war die von Philipp Jarnach und Heinz Tiessen geleitete ,Melos‘-Gemeinschaft. Deren ehemaliger Leiter, Fritz Windisch, sorgte dafür, daß der Abend mit einem Skandal begann. Er sprang protestierend aufs Podium, mußte festgenommen und abgeführt werden.“ [155]

Der Kritiker Walter Schrenk nannte in seiner Besprechung des Konzerts den störenden Besucher ebenfalls namentlich. Nachdem er anfangs nur etwas allgemein von einer „veränderte[n] Grundlage“ der Melosgemeinschaft gesprochen hatte, teilte er ganz am Ende mit: „Kein Mißklang störte den schönen Abend bis auf jenes kleine Intermezzo, das Herr Windisch, der frühere Leiter des Melos, zu veranstalten für gut befand. Er versuchte gegen den neuen Melos zu protestieren, wurde aber in seiner flammenden Rede nach anderthalb Sätzen von einem Schupomann unterbrochen, der ihn sanft zur Tür hinausführte.“ [155a]

Andere Kritiker, die offenbar zahlreich erschienen waren, klammerten den Vorfall und den Namen des vermeintlich störenden Besuchers aber gänzlich aus ihren Besprechungen aus und beschränkten sich auf die musikalische Seite. Erwähnt seien Dr. Leopold Schmidt [155b] oder Adolf Diesterweg [155c], womit ich nicht andeuten will, dass sich die Reihe der Kritiker mit ihnen erschöpfte.

Selbst Klaus Pringsheim, der in der sich anschließenden Kontroverse doch einer der Hauptwortführer wurde, erwähnte den Eklat in seiner in Das Tage-Buch erschienenen Besprechung mit keiner Silbe, [156] doch ging er ausführlich ein in die von Siegfried Jacobsohn herausgegebene und in Berlin-Charlottenburg erscheinende Weltbühne. Wochenschrift für Politik, Kunst, Wirtschaft, wo er dann zwischen Februar und April 1924 eine längere Diskussion zwischen zwei der Beteiligten und zwei Journalisten auslöste.

Zunächst schrieb Ludwig Kantorowicz [157] über das Geschehen und seine Hintergründe; er ergriff dabei deutlich Partei für Windisch und warnte dringend vor einer Wiederholung des Falles Adolf Schreiber. [158]  In der folgenden Ausgabe meldete sich Klaus Pringsheim zu Wort und widersprach Kantorowicz in wesentlichen Punkten. [159] Herbert Graf, welcher Windisch entlassen hatte, von dessen Geld für „Melos“ aber vieles abhing, stellte darauf etwas zugunsten Windischs richtig, und in einem weiteren Artikel erklärte nun Fritz Windisch als eigentlich Betroffener die Dinge aus seiner Sicht. Klaus Pringsheim verfasste ein Schlusswort, das Windisch, der in seinem Artikel Pringsheim als „phänomenales Konjunkturchamäleon“ (S. 418) bezeichnet hatte, am Ende erneut angriff und nun seinerseits die Glaubwürdigkeit Windischs in Frage stellte: „Er [Windisch] hat die Loyalität, die mich bestimmte, ihn seine Rechtfertigung hier vorbringen zu lassen, schimpflich mißbraucht und wird nicht mehr verlangen dürfen, daß man ihm irgendeine seiner Behauptungen glaubt.“ – Fast zwei Jahre vergingen, und im Februar 1926 kam noch eine Mitteilung des Rechtsanwalts Theodor Liebknecht, des Bruders von Karl Liebknecht, zum Abdruck, in welcher die Interessen von Klaus Pringsheim vertreten wurden, denn Windisch hatte sich durch die „Schlußbemerkung“ Pringsheims beleidigt gefühlt. Somit endete die Kontroverse für die Leser der Weltbühne mit den Worten von Pringsheim, dass er Windisch gegenüber „in einer längern privaten Mitteilung“ ausgesprochen habe, wie er „zu der Angelegenheit jetzt stehe“. Zugleich versicherte Pringsheim, dass ihm „die Absicht einer Beleidigung ferngelegen“ habe. [159a]

Die Beiträge, die in der Weltbühne veröffentlicht wurden, seien nochmals bibliografisch zusammengestellt: [160]

1.) Ludwig Kantorowicz, Werkraub!, in: Nr. 9, 28. Februar 1924, S. 281–282
2.) Klaus Pringsheim, Weder Werk noch Raub, in: Nr. 10, 6. März 1924,
       S. 316–318
3.) Herbert Graf, [Antworten], in: Nr. 12, 20. März 1924, S. 389
4.) Fritz Windisch, … ach, wie schießt Ihr schlecht!, in: Nr. 13, 27. März 1924,        S. 417–419
5.) Klaus Pringsheim, [Antworten], in: Nr. 14, 3. April 1924, S. 457–458
6.) Rechtsanwalt Theodor Liebknecht, [Antworten], in: Nr. 5, 2. Februar 1926,        S. 199


Die Ursache von Windischs Entrüstung und seinem Schritt auf die Bühne der Berliner Singakademie scheint eine gerichtliche Entscheidung gewesen zu sein, die ihm untersagte, die Bezeichnung der von ihm gegründeten „Melos-Gemeinschaft“ auch fernerhin zu gebrauchen; denn er hatte, im Unterschied zu seinen Nachfolgern Philipp Jarnach und Heinz Tiessen, offenbar versäumt, diesen Namen gesetzlich schützen zu lassen. Da Windisch die rechtliche Eintragung der „Melos-Gemeinschaft“ zwar mehrfach beteuert, jedoch letztlich nicht durchgeführt haben soll, wurde er von Herbert Graf, dem Geldgeber der „Melos“-Unternehmungen, seines Amtes enthoben, und die Komponisten Philipp Jarnach sowie Heinz Tiessen wurden als neue Leiter eingesetzt. Man holte nun das juristisch Versäumte nach, und die „Melos-Gemeinschaft“ wurde als „eingetragener Verein“ amtsgerichtlich im Vereinsregister aufgenommen. [161] Das Schönberg-Konzert mit dem Pierrot lunaire, von dem die Rede war, wurde zur Eröffnung der neuen „Melos-Gemeinschaft“ gegeben, der Windisch nun aber nicht mehr vorstand. – So viel wenigstens entnehme ich den verschiedenen Darstellungen in der Weltbühne. Gleichwohl wird nicht nur von Windisch selbst, sondern auch von anderer Seite, wie Herbert Graf oder Heinz Tiessen, die beide zu diesem Zeitpunkt kaum enge Freunde Windischs gewesen sein dürften, hervorgehoben, dass Windisch die „Melos-Gemeinschaft“ gegründet hatte. [162]

Zitiert sei noch Kantorowicz, der als Erster das Wort ergriff und sich die Verteidigung Windischs in der Weltbühne angelegen sein ließ:

    „Man könnte zu diesem Vorgang [gemeint ist der Gerichtsentscheid sowie die Ersetzung Windischs durch neue Leiter der „Melos-Gemeinschaft“] schweigen. Man könnte schweigen, wie Fritz Windisch lange, allzu lange getan hat. Er schwieg, bis der Name Melos mißbraucht war, bis die ,Internationale Gesellschaft für Neue Musik‘ mit jener gräflichen Gemeinschaft [163] ein Konzert veranstaltete. Da wäre er vor sich schuldig geworden, wenn er nicht gesprochen hätte. Ein andres Podium, vor der Öffentlichkeit gegen Raub und Ideenschändung zu protestieren, gab es nicht mehr. Als er sprechen wollte, da tobte das Publikum, bis der Schupomann [Schupo = Schutzpolizei] ihn durch den Konzertsaal abführte.“ [164]

Windisch hatte sicherlich gehofft, das Publikum der Singakademie von seiner Urheberschaft, seinen Ansprüchen, der Richtigkeit seines Standpunkts oder seiner Handlungsweise überzeugen zu können, und so protestierte er ungeachtet aller Jurisdiktion, eines Gerichtsurteils und der unleugbaren Tatsache, dass dieses Publikum nicht gekommen war, um die Verteidigungsrede in einem ihm zumeist wohl unbekannten Rechtsstreit zu hören. Nun aber „tobte“ man, wollte nichts von Erklärungen gleich welcher Art wissen, war zufrieden, überhaupt im Saal zu sitzen, und hatte nicht die Absicht, sich seinen Konzertbesuch fernerhin stören lassen, während der Urheber des Aufruhrs – recht geschah ihm! – von einem Polizisten festgenommen und abgeführt wurde. Besser ließen sich Windisch die Augen nicht öffnen, und er wusste jetzt wohl auch, was er falsch gemacht hatte und wem sein Einsatz zugute gekommen war. Nicht allein „die Erkenntnis zeitgenössischer Musik“ stand an, sondern zugleich die Erkenntnis und die Beweggründe derer, welche sich, gelockt von bekannten Namen, mit dieser Musik bedienen ließen und die ihm, Windisch, durchaus nicht immer freundlich gesinnt waren, sobald er die eingefahrenen Geleise verließ.

Es bedarf wohl keiner besonderen Hellsicht, in den geschilderten Vorgängen und ihren demütigenden Folgen, zu denen auch Klaus Pringsheims Schweigsamkeit in dem Tage-Buch wie seine Beredsamkeit in der Weltbühne gehörten, die wesentlichen Ursachen, wenn nicht den Hauptgrund zu erblicken, warum Windisch, radikaler und mutiger als die meisten von uns, ab diesem Konzert (1924) jegliche Form zeitgenössischer Musik mied, sich aus der Kunstszene zurückzog und sein Leben neu ausrichtete. Dabei sei nicht übersehen, dass Windisch mehrere Jahre lang, erst an der Leipziger, dann an der Berliner Universität Naturwissenschaften studiert hatte und auch aus seinem Elternhaus ausgezeichnete Voraussetzungen für einen Wechsel mitbrachte. Er selbst mag seine Hinwendung zur Konzertorganisation mit neuer Musik oder Herausgabe einer Zeitschrift daher nur als Übergang betrachtet haben, der sich zwar anbot, jedoch bei einer verantwortungsvollen Ausübung der Tätigkeit ein hohes Maß an Einsatz kostete. Wie die späteren Ereignisse zeigen, stellte der Skandal in der Singakademie auf jeden Fall einen End- und Wendepunkt dar, nach dessen Erreichung sich Windisch deutlich anderen Zielen zuwandte. Es verwundert daher nicht, dass Windisch die Tätigkeit, die er für „Melos“, zum Nutzen der Allgemeinheit und gewiss auch für sich selbst entfaltet hatte, in seinen vier eigenhändigen Lebensläufen nur einmal am Rande erwähnte. [164a] Freilich datierte Windisch selbst den Beginn seines Studiums der Naturwissenschaft (in Berlin) in seinem Lebenslauf IV auf „1923“, doch stellten in diesem Fall die Ereignisse in der Singakademie sicherlich eine Art der Bestätigung dar, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. [164b]

Der Komponist Heinz Tiessen streifte jedoch einmal die Auseinandersetzung, die sich letzten Endes zu einem Konflikt zwischen Leitung und Geldgeber, zwischen Fritz Windisch und Herbert Graf zugespitzt hatte. Zwar darf man bei der Darstellung der Vorgänge Tiessen eine gewisse Rücksichtnahme im Hinblick auf das Verhalten Grafs unterstellen, doch handelt es sich hier um eine der wenigen anerkennenden Äußerungen über Windisch, die nach seinem Verlassen der Kunst- und Musikszene erst in viel späteren Jahren niedergeschrieben wurde. [165]  In seinem Aufsatz über Eduard Erdmann (nach 1958 entstanden) schrieb Tiessen so über ein am 28. März 1919 in Berlin stattgefundenes Konzert, nachdem er die abfälligen Äußerungen mehrerer bekannter Berliner Kritiker zitiert hatte:

    „[…] mit Begeisterung [über Erdmanns Aufführung der Klaviersonate op. 1 von Alban Berg] referierte einzig der junge Fritz Windisch, dem Scherchen später die Redaktion von ,Melos‘ anvertraute und dem viel avantgardistische Initiative zu danken war. (Schade, daß dieser hoffnungsvolle junge Mensch nach einiger Zeit durch sein Verhalten den Mäzen von ,Melos‘ nötigte, sich von ihm zu trennen.)“ [166]

 

 

Fortsetzung in Teil 3
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Anmerkungen zu Teil 2

[59] Da mit dieser Schrift eine auf dem Berliner Aktivisten-Kongress von 1919 gehaltene Rede gedruckt ist, stand Windisch dem sogenannten Aktivismus in der Literatur möglicherweise nahe; vgl. den Artikel Aktivismus, in: Dieter Burdorf, Christoph Fasbender und Burkhard Moennighoff (Hg.), Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen, 3., völlig neu bearbeitete Auflage, Stuttgart: J. B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung, © 2007, S. 10. Vgl. den Artikel über Kurt Hillers (1885–1972) Aktivismus (hier) sowie Anm. [64c].

Hiller schrieb in dem von ihm gegründeten und herausgegebenen Jahrbuch Das Ziel einen Bericht über den Kongress, wobei er im Rahmen einer Aufzählung „Fritz Fridolin Windisch“ auch namentlich nannte; vgl. K. H. [Kurt Hiller], KONGRESSBERICHT, in: Das Ziel. Jahrbücher für geistige Politik, hg. von Kurt Hiller, Bd. 4 (252 S.), München: Kurt Wolff Verlag, 1920, S. 207–212; hier S. 211. Einleitend ging Hiller auf den Kongress als Ganzen ein und sagte: „Im Juni 1919 fand zum zweitenmal ein Kongreß von Aktivisten statt; zum ersten Male ein öffentlicher. […] Der Kongreß war ein . .  Nebenakt. [Absatz] Während nämlich auf anderen Kongressen von Kulturkämpfern meist labbrige Reden aufgesagt werden und keine Tat herausspringt, wurde hier meist unlabbrig geredet, aber eine Tat sprang gleichfalls nicht heraus. Der Kongreß war, gemessen an Kongressen, somit gut; gemessen an seiner eignen Idee war er schlecht.“ (S. 207) Später erwähnte Hiller auch die Beteiligung an dem Kongress: „Es sprachen, teils an diesen Abenden (vor einem Publikum, dessen Zahl niemals 150 überstieg), teils in den internen Beratungssitzungen:“; es folgte eine Aufzählung von fünfundzwanzig Vor- und Zunamen. Hiller resümierte: „Es war überhaupt kein gesamtdeutscher, es war alles in allem ein berlinischer Kongreß – leider.“ (S. 211)

[59a] Möglicherweise eine Anspielung auf Karl Liebknecht, der am 15. Januar 1919 in Berlin ermordet worden war; doch könnte es sich bei „Sankt Liebknecht“ auch um eine Beziehung zu folgendem Buch handeln: Kurt Faber (geb. am 6. Dezember 1883 in Mülhausen [Mulhouse], gest. im Winter 1929 am Großen Sklavensee, Kanada), Weltwanderers letzte Fahrten und Abenteuer. Baltikum – Balkan – Südsee – Japan – Korea – China – Sibirien – Moskau – Palästina – Syrien – Kanada (332 S.). – Das Zitat, von dem nicht gesagt werden kann, ob Windisch, Faber oder ein anderer den Ausdruck „Sankt Liebknecht“ zuerst benutzte, ist in der Auflage Stuttgart: Lutz, 1930 am Ende von Kapitel 33 nachzulesen, wo es heißt: „O Lenin, o Marx, o Engels, o Sankt Liebknecht, o heilige Rosa, die ihr, vorerst noch ohne Strahlenkranz, im Lenineum prangt, die ihr buntgedruckt in jeder Bauernstube hängt, aus Angst vor dem Genossen Dorfkorrespondenten.“; vgl. http://gutenberg.spiegel.de/buch/5211/33. Näher liegt diese Vermutung noch durch die Umstände, dass Kurt Faber am „Nikolaustag“ (6. Dezember) Geburtstag hatte, dass seine Reiseberichte zunächst von deutschen Tageszeitungen abgedruckt wurden (wobei die Berliner Scherl-Presse auch eine herausragende Rolle spielte) und dass eine Art thematischer Nähe zwischen Fabers Reiseberichten und Windischs Rinnstein erkennbar wird. – Satirische Elemente scheinen mir in Windischs Gedicht Wahnvolk! jedoch nicht vorzukommen, und so könnten sich die Worte des Gerichtsurteils grundsätzlich auch auf einen anderen Text dieses Autors beziehen. Vgl. Anm. [171a].

[60] Die Formulierung „Auftakt 1917“ ist heute missverständlich, denn kaum kann hier die in Prag erschienene Zeitschrift Der Auftakt. Musikblätter für die Tschechoslowakische Republik gemeint sein, die erstmals 1920 veröffentlicht wurde. Dagegen ist laut dem Inhaltsverzeichnis des Buchs Rinnstein das erste, auf S. 5 beginnende Kapitel mit „Auftakt“ überschrieben, und da die Schrift als „mit einem Auftakt versehen von Fritz Fridolin Windisch“ bibliografisch erfasst ist (vgl. http://d-nb.info/575851813), könnte dieser „Auftakt“, im Unterschied zum Rest der Schrift, auch von Windisch stammen und einer Einleitung oder einem Vorwort gleichkommen.

[61] Ob Windisch das Buch auch aus dem Vlamischen übersetzte, ist aus seiner Beschreibung nicht zweifelsfrei zu ersehen, doch war Windisch im Ersten Weltkrieg in Flandern stationiert und verstand oder sprach vielleicht diese Sprache (vgl. etwa hier). Vgl. zu dieser Schrift Roger Stein, Das deutsche Dirnenlied. Literarisches Kabarett von Bruant bis Brecht, Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag GmbH, © 2006, S. 230, Fußnote 511 (Online-Teilausgabe).

[62] Der Druck wurde zum Teil nach Angaben des Schriesheimer Antiquars Frank Albrecht [2007] aus dem pdf-Katalog Das 20. Jahrhundert 144. Tarnschriften und andere Neueingänge beschrieben (S. 22, Nr. 187).

[63] Vgl. das in Fußnote [24] belegte Zitat von Steffen Rückl und Karl-Heinz Noack.

[64] In der Neuen Deutschen Biografie (Bd. 22, Berlin 2005, S. 686–687) heißt es in dem von Marion Brück verfassten Artikel über Hermann Scherchen (im Artikel stets als „S.“ abgekürzt, hier aber aufgelöst): „1914 erhielt Scherchen eine Anstellung als Kapellmeister des Sinfonieorchesters Riga, wo er vom Ausbruch des 1. Weltkrieges überrascht und interniert wurde. In der Zeit seiner russ[ischen] Zivilgefangenschaft komponierte er u[nter] a[nderem] einige Lieder und ein Streichquartett, lernte Russisch und vertiefte sich in sozialistische Literatur. [Absatz] Nach Berlin zurückgekehrt, entfaltete Scherchen seit 1918 ein umfangreiches Wirken im Dienste der neuen Musik: Er gründete die ,Neue Musikgesellschaft Berlin‘ und im Jahre 1920 die Zeitschrift ,Melos‘ […].“ – Eine andere Übersetzung Scherchens aus dem Russischen ist im ersten Jahrgang von Melos zu finden (vgl. dort A. M. Avraamoff, Jenseits von Temperierung und Tonalität, in: Melos, 1. Jg., Berlin 1920, S. 131, 160 und 184).

[64a] Balthasar [vermutlich Pseudonym des Autors Roland Schacht (1888–1961), Rezensent eines expressionistischen Sezessionabends mit Dichtungen und Musik, darunter beides von F. F. Windisch], Expressionisda! [sic], in: Freie Deutsche Bühne, hg. von Max Epstein und Emil Lind, 1. Jg., Nr. 34, Berlin: „Freie Deutsche Bühne“, 18. April 1920, S. (804)–(805).

[64b] Am Schluss seines Beitrages schreibt Windisch in Bezug auf die Sängerin Maria Ivogün: „Sie ist das Wundervögelchen einer aussterbenden Art.“

[64c] Im selben Heft der Zeitschrift und unmittelbar vorausgehend findet sich der Beitrag von Kurt Hiller Logokratie oder ein Weltbund des Geistes auf S. 322–326, so dass er Windisch nicht unbekannt geblieben sein dürfte (siehe hier).

[64d] Die hier reproduzierte Zeichnung stammt wahrscheinlich von dem österreichischen, nach anderen Quellen Schweizer Graphiker Traugott Schalcher. Von Schalcher, dessen Lebensdaten mir unbekannt sind, erschienen verschiedene Bücher und Aufsätze in Fachzeitschriften zwischen 1919 und etwa 1943, darunter 1919 die zwölf Illustrationen in dem Buch: Hans Christian Andersen, Die Nachtigall, Leipzig: „Der Kentaur“, 1919. Ferner wurde veröffentlicht Physiologie der Gesellschaft (Berlin: Pantheon, [1921]), Reklame der Straße (Wien: Barth, 1927). Etwa 1943 erschien als letzte der mir nachweisbaren Publikationen die Illustration des Buchs Heinrich Schulz, Der kleine Jan. Ein Jahr aus seinem Leben (Berlin: Buchhandlung Vorwärts, ca. 1943). – Ansonsten behandeln Schalchers Schriften überwiegend Themen wie Photographie, Firmengeschichte, Anzeigengraphik, Eigenmarken und Ähnliches. – Ebenso lässt das zweifach abgedruckte Inserat zu Windischs Rinnstein die Signatur Schalchers erkennen; vgl. (2) und (3) hier.

[64e] Vgl. den „Musikphysiologischen Teil“ mit dem ersten Melos-Aufsatz von Windisch Musikphysiologie hier.

[65] Vgl. dazu den Eintrag im Berliner Adreßbuch 1920 „[Neuendorff] & Moll, Buch= u[nd] Kunstdruckerei, Weißensee, Berliner Allee 71 T[elefon] 126. Inh[aber] Felix Neuendorff.“ Unmittelbar darunter: „[Neuendorff] Felix, Buchdruckereibes[itzer], Weißensee, Berliner Allee 71 T[elefon] 126, s[iehe] Neuendorff & Moll.“ (Teil I, S. 1953, Sp. [3]).

[66] Vgl. das Impressum der ersten Melos-Ausgabe; ferner den in Fußnote [92] genannten Brief Scherchens vom 3. September 1920.

[67] Vgl. die drei erhaltenen Programme eines Symphonie-Konzerts (1919), Details; eines Orchester-Konzerts (1919), Details, und einer Kammermusik-Veranstaltung (1920), Details. Nicht sagen kann ich, in welchem Umfang die Programme bei „Neuendorff & Moll“ gedruckt wurden. Über die Ausrichtung dieser Konzertreihe kann man sich bei Stuckenschmidt belesen; vgl. das am Ende von Fußnote [115] ausführlicher genannte Buch Neue Musik, S. 165–167. – Ferner ist auch ein Programm einzubeziehen, auf dem Gustav Mahlers Dritte Symphonie am 23. November 1919 stand; vgl. den Schluss von Anm. [91] nach dem zweiten Gedankenstrich („Reberscher Frauenchor“) in dem Aufsatz über Ellen Epstein, Teil 2. Da die erstgenannten Programme nicht inhaltlich ausgewertet wurden, ist es möglich, dass eines davon diese Mahler-Symphonie enthält. – Weiterhin ist der „Rebersche Chor“ am 30. März 1920 zu finden in einem Programm von Franz Schubert, an dem auch Therese und Artur Schnabel mitwirkten. Siehe: Box 11, parcel 1 der „Ernst Henschel collection“, Berlin, Sing-Akademie (1896–1938), British Library, London (lag nicht vor). Auch von Hermann Scherchen sind mehrere Programme in dieser „collection“ überliefert. Den „Reberschen Chor“ scheint Margot Epstein geleitet zu haben (siehe hier).

[68] Vgl. http://gso.gbv.de/DB=2.226/PPNSET?PPN=167483315. – Die erste und sechste (vermutlich auch die zweite bis fünfte) Ausgabe der heute sehr seltenen Monatsschrift Kunsttopf, von der offenbar nur 6 Hefte, alle im Jahre 1920, verlegt wurden, enthält als Umschlagbild eine farbige Illustration von César Klein (geb. 1876 in Hamburg, gest. 1954 in Pansdorf bei Lübeck), einem der Mitbegründer der Berliner „Novembergruppe“ (siehe auch http://www.cesar-klein.de/). Klein versah unter anderem die Hefte von Melos mit einer Titelzeichnung, auf welcher mehrere Instrumente und grafische Elemente der Notation auf einen Bezug zur Musik verweisen. Der erste Abdruck erfolgte im Februar 1920 auf Seite (1) der ersten Ausgabe von Melos (Jg. 1, Nr. 1, S. [1]) und stand damit noch über dem Impressum und dem Vorwort Hermann Scherchens. Klein erhielt im Nationalsozialismus Malverbot, und seine Arbeiten wurden in der Ausstellung „Entartete Kunst“ (1937) gezeigt. (Informationen über den Kunsttopf verdanke ich zum Teil dem Kommentar des „Roten Antiquariats“ in Berlin, von dem die Kunsttopf-Hefte 1 und 6 im November 2010 bei „Booklooker“ angeboten wurden.) Die Zeitschrift lag jedoch bislang nicht zur Auswertung vor. – Drei Inserate sind in Melos (1920) zu finden; vgl. Anm. [101a].

[69] Man vergleiche auch den Satz von Klaus Pringsheim in der Weltbühne (20. Jg., Nr. 14, 3. April 1924, S. 457), wo es heißt: „Die zuletzt tätigen Angestellten [des „Melos“-Büros in der Berlin-Niederschönhausener Lindenstraße 35 b] wurden von Herrn Windisch mangels anderer Arbeit mit der Abschrift von Doktorarbeiten für seine Freunde beschäftigt.“

[70] Die drei Veröffentlichungen aus den Jahren 1928, 1933 und 1935 sind:

    (1) Ernst Friedrich Rothenbach, Über die Wirkung der proteolytischen Enzyme der untergärigen Bierhefe auf deren Autolyse
    Berlin-Weissensee: Neuendorff & Moll, 1928 (Details)

    (2) Karl Mühlbradt, Das Werbebudget unter besonderer Berücksichtigung des Insertionsplanes und die Möglichkeit der Erfolgsberechnung
    B[erlin]-Weißensee: Neuendorff & Moll, (1933)
    Jena, R[echts]- u[nd] wirtschaftswiss[enschaftliche] Diss[ertation] v[om]
    27. Juli 1934 (Details)

    (3) Franz Swobodzinski, Hemianopsia inferior nach Eklampsie
    B[erlin]-Weissensee: Neuendorff & Moll, 1935
    Berlin, Univ[ersität], Diss[ertation], 1935 (Details).

[71] Vgl. das Berliner Adreßbuch 1914, wo es in Teil, S. 2216, Sp. [1] am Ende des Eintrags „[Neuendorff] & Moll“ heißt: „Inh[aber] Felix Neuendorff u[nd] Paul Moll“. – Weiteres über Paul Moll ist dem Berliner Adreßbuch 1913 zu entnehmen: In Teil I, S. 2072, Sp. [4] gibt es unter dem Eintrag „[Moll] Paul“ einen „Buchdruckereibes[itzer]“;  seine  Adresse ist: „Lichtenb[er]g, Wühlischstraße  33, 2. Aufg[ang] III. [Stockwerk] (Post Rummelsb[ur]g)“.

[71a] Die Anzeigen befinden sich in Melos, hg. von Hermann Scherchen, 2. Jg., Nr. 1, Berlin, 1. Januar 1921, Umschlag-S. [3] (hinten innen) sowie gleichlautend in der Ausgabe 2. Jg., Nr. 3, Berlin, 1. Februar 1921, S. 67 (siehe oben).

[72] Vorwort von Hugo Riemann auf S. X der 9. Auflage unterschrieben: „Leipzig, Herbst 1918“; das Vorwort von Alfred Einstein auf der folgenden Seite ist unterzeichnet: „München, 30. Oktober 1919“.

[73] Bibliografische Angaben vorgenannter Lexika in Fußnote [2].

[74] Hugo Venus (Violine, auch Kammervirtuose) wird im Berliner Adreßbuch 1920 (Teil I, S. 2934, Sp. [4]) genannt. Ferner erscheint er im Berliner Musikjahrbuch 1926, S. 187, linke Spalte: „Venus, H[ugo], Kamm[er-]Mus[iker] a. d. Staatsop[er], Ch[arlotten]b[ur]g 2, Herderstr[aße] 14, [Fernsprechamt und Rufnummer:] St[einplatz] 11180.“, und als „Halbjude“ bei Theo Stengel und Herbert Gerigk, Lexikon der Juden in der Musik (Reprint von 1940 im Buch von Eva Weissweiler Ausgemerzt! Das Lexikon der Juden in der Musik und seine mörderischen Folgen, Köln: Dittrich-Verlag, © 1999, hier S. 324 (im Reprint-Teil Sp. 277). Nach diesem letztgenannten Lexikon wurde Hugo Venus am 14. Februar 1869 in Berlin geboren, war Orchestermusiker (Violine), Kammervirtuose und Komponist. – Zuletzt erscheint: „Venus, Hugo“ in: Berliner Adreßbuch 1942 (Teil I, S. 3230, Sp. [2]): „[Venus] — Hugo Staatl[icher] Kammervirtuose Charl[otten]b[urg] Berliner Straße 103 T[elefonanschluss]“. Im letzten Berliner Adreßbuch 1943 ist unter seiner Straße und Hausnummer (Charlottenburg, Berliner Straße 103) zu lesen: „Venus, H[ugo] Frau T[elefonanschluss]“ (Teil IV, S. 1015, Sp. [1]), so dass man auch davon ausgehen muss, Hugo Venus sei 1942 oder 1943 verstorben und seine Witwe sei allein in der Wohnung verblieben. Im „Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933-1945)“ (vgl. Fußnote [146]) ist Hugo Venus nicht verzeichnet.

Von Hugo Venus stammt die Veröffentlichung: Orchestral Studies. Violin II, Richard Strauss, editor: Hugo Venus; Elektra - Der Rosenkavalier, Instrumentation: violin, London: Boosey & Hawkes, Bd. 2, 40 S., ISMN: 979-0-060-11805-0, Order number: BH 11805.

[75] Zu Richard Francke vgl. das Berliner Adreßbuch 1920, Teil I, S. 654, Sp. [4]; ferner das Berliner Musikjahrbuch 1926, S. 227, linke Sp.: „Francke, R[ichard], M[usik-]Schr[iftsteller], Dir[ektor], [Berlin] W 57, Potsdamer Str.  82c, Kl[avier], Th[eorie], Komp[osition]“. Im Kurzgefaßten Tonkünstlerlexikon von Paul Frank und Wilhelm Altmann heißt es in den Ausgaben von 1926 bzw. 1927 (S. 109, linke Spalte): „Francke, Rich[ard], geb. 20/1 1868 [20. Januar 1868 in] Berlin, lebt da als Dir[ektor] einer M[usik-]Schule, Mitbegründ[er] des Fafner-Bundes, vielgereister Harmoniumvirt[uose] W[erke]: Opern, Pantomime, Kantaten, Gesänge m[it] Harmon[ium], usw.; Symphon[ien], Streichquart[ette], V[iolin-]Stücke“. – Über den „Fafner-Bund“ erfährt man in The Musical Times vom 1. Mai 1898, S. 339, rechte Sp. unter „Berlin“, dass es sich hier um eine Vereinigung handelte, die sich die Aufführung neuer Werke von Berliner Komponisten zur Aufgabe gemacht hatte. – Francke ist bis einschließlich 1927 im Berliner Adreßbuch verzeichnet (Teil I, S. 780, Sp. [2]), sein Todestag ist unbekannt.

[76] Der Name von Hugo Riemann (1849–1919) erscheint nicht in den Unterlagen aus dem Archiv der Universität Leipzig (siehe hier), was jedoch grundsätzlich nicht zu heißen braucht, dass ein Kontakt zwischen Fritz Windisch und Hugo Riemann überhaupt nicht bestand.

[77] Max Friedlaender (1852–1934) lehrte Musikwissenschaft an der Berliner Universität, doch sind keine Hinweise aus dem Archiv der „Humboldt-Universität“ erhalten, welche ein Studium Fritz Windischs bei ihm belegen könnten.

[77a] Brief (Fax) von Dr. Christian Windisch, Berlin, an den Verfasser am 2. Februar 2012.

[77b] Erklärung von Hans Sufka, Behördenangestellter, wohnhaft in Berlin-Wedding, verfasst am 31. Oktober 1934, S. (1), masch. Abschrift (FWN). Zu Sufka vgl. den Eintrag im Berliner Adreßbuch 1934, Teil I, S. 2538, Sp. [2].

[77c] Fällt aus, da die mitgeteilte Webseite-Adresse nicht mehr abrufbar ist.

[78] In der 9. Auflage (1919) war, wie gesagt, noch kein Artikel über Fritz Windisch enthalten. Zur 10. Auflage (1922) vgl. die bibliografischen Angaben in Fußnote [2].

[79] Eine Wiederholung der Angaben findet sich in Das neues Musiklexikon (1926) sowie in der 11. Auflage von Hugo Riemanns Musiklexikon (1929). In dem Kurzgefaßten Tonkünstlerlexikon von Paul Frank und Wilhelm Altmann (12. Aufl. von 1926; unveränderter Nachdruck als 13. Aufl. von 1927) sind die Angaben von Riemann 1922 weiter verkürzt. Diese verkürzten Angaben sind auch zu finden in der 14. Aufl. (1936), die 1971 und 1983 als 15. Auflage nachgedruckt wurde. Vgl. ferner Fußnote [2].

[80] Siehe Hofmeisters Musikalisch-literarischer Monatsbericht über neue Musikalien, musikalische Schriften und Abbildungen, 93. Jg., Nr. 8, Leipzig: Friedrich Hofmeister, Juli 1921, S. 138 (rechte Spalte, unten) bis S. 139, wo die auf drei Hefte verteilten neun Lieder für Gesang mit Pianoforte sämtlich mit Titel und Textanfängen unter „Windisch, Hans“ als Verfasser aufgenommen sind (Online-Ausgabe: siehe Seitenverweis). – Der bei Müller genannte „Paragon-Verlag“ gehörte als „Paragon-Musikverlag G.m.b.H.“ zusammen mit der „Paragon Musikalienverwertungsgesellschaft m. b. H.“ und der „Paragon-Notendruck G.m.b.H.“; sie alle waren in Berlin in der Königin-Augusta-Straße 23 ansässig und scheinen nur in den Jahren von 1921 bis 1923 bestanden zu haben (vgl. das Berliner Adreßbuch 1921, Teil I, S. 2211, Sp. [4] unter „Paragon“). Die drei musikbezogenen Gesellschaften gehörten offenbar zu der Druckerei „Paragon-Kassenblock-Aktiengesellschaft“ bzw. der „Paragon-Kassenblock Compagnie“, die ihren Sitz in Berlin-Oberschöneweide, Fuststraße 4 und 5 hatte. Die Zugehörigkeit mit der Druckerei geht aus dem Berliner Adreßbuch 1921, Branchenverzeichnis, Teil IV, S. 360, Sp. [5] hervor, wo als Telefonnummer des Paragon Musikverlags auch die Rufnummern der Kassenblock-Aktiengesellschaft in Oberschöneweide, offenbar der Hauptsitz der Firma in Berlin, genannt sind.

Bestätigt wird die Verfasserschaft durch folgende Besprechung von E[rich] Anders in: Zeitschrift für Musik. Halbmonatsschrift für Musiker und Freunde der Tonkunst, Hauptschriftleitung: Alfred Heuß, 90. Jg., Nr. 4 (2. Februarheft), Leipzig, 17. Februar 1923, S. 89 (Besprechungen), rechte Spalte.

[81] Zu der Verwandtschaft vgl. im Haupttext (Teil I) das von Anm. [52a] belegte Zitat. – Im gedruckten Studentenverzeichnis (5. Januar bis 31. März 1920), dessen Seite 365 ich aus dem Archiv der „Humboldt-Universität“ als Fotokopie bekam, sind sowohl ein Hans als auch ein Fritz Fridolin Windisch als vierter und fünfter Eintrag genannt, wobei bei beiden dieselbe Adresse in Niederschönhausen, Lindenstraße 35 B angegeben ist. Nach Auskunft des Archivs der „Humboldt-Universität“ in Berlin am 11. November 2010 studierte Hans Windisch vom 13. Januar 1917 bis zum 15. Oktober 1921 in Berlin Germanistik unter der Matrikel-Nr. 1490 des 107. Rektorats der Friedrich-Wilhelms-Universität, nachdem er sich zu Michaelis 1916 immatrikuliert hatte. Promoviert wurde er nicht in Berlin, so dass hier kein Lebenslauf im Archiv der Universität vorliegt. – Nicht zu verwechseln ist dieser in Berlin-Niederschönhausen zeitweilig ansässige Hans Windisch mit dem Theologen Hans Windisch (geb. 1881 in Leipzig, gest. 1935 in Halle an der Saale); vgl. Klaus-Gunther Wesseling, [Artikel] WINDISCH, Hans, in: Biographisch-bibliographisches Kirchen-Lexikon, Bd. XIII, Herzberg: Verlag Traugott Bautz, 1998, Sp. 1375–1381; aber auch nicht mit dem Grafiker und Fotografen Hans Windisch (1891–1965), vgl. den Aufsatz von Rüdiger Zimmermann, Wie Dietz zur Schlange kam – Die Erfindung des Verlagssignets, in: Empor zum Licht („Digitale Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung“), Bonn, 2006 (Electronic ed.: Bonn: FES Library, 2007), ISBN 978-3-8012-0374-0, S. 69–77, hier (Aufsatz-Titel in Suchfeld) und hier.

[82] Vgl. Zu Windischs Klangvisionen siehe hier. – Die Beilage zu Nr. 13 des ersten Jahrgangs von Melos wurde im August 1920 veröffentlicht. – Die „Berliner Musikalien Druckerei“ erschien im Berliner Adreßbuch 1920 (Teil I, S. 173, Sp. [3]) unter Lindenstraße 16.17 in SW68 von Berlin [Kreuzberg]; als Geschäftsführer war „Hans Fischer“ eingetragen.

[82a] Siehe hier.

[83] Zur Vermutung, dass sich in Windischs Kompositionen die Theorien Hauers niedergeschlagen haben könnten, vgl. hier.

[84] Siehe den Permalink http://permalink.obvsg.at/AC07791610.

[85] Der Abdruck der Glosse zum II. Streichquartett für Klarinette allein erfolgte als Notenbeilage in: Melos, hg. von Fritz Windisch, 3. Jg., Nr. 3, Berlin, im Juni 1922, 4 ungezählte Seiten: S. 1 Titelseite, S. 2–3: Noten des Stückes, gedruckt nach nach der Handschrift, S. 4: leer.

Zu Ludwig Weber vgl. die Artikel Weber, Ludwig, in: Riemann Musiklexikon, Personenteil L–Z, 12. Aufl., hg. von Wilibald Gurlitt, Mainz: B. Schott’s Söhne, 1961, S. 898, linke Spalte sowie Anton Hardörfer, Weber, Ludwig, in: MGG 14, (1968), Sp. 338. Das Riemann Musiklexikon nennt „1921“, das MGG „1920“ als Entstehungsjahr. – Vgl. auch das Ende von Fußnote [149] zu Anton Hardörfers Einsatz für Ludwig Weber.

[86] Fast jedes größere Musiklexikon hat einen eigenen Artikel, in welchem das „Melos“ aus geschichtlicher Sicht behandelt wird. – Erwähnt sei daher nur noch, dass das „Melos-Quartett“ seinen Namen nicht von der Zeitschrift ableitet, sondern dass es sich hier um eine Zusammenziehung der Namen der zwei Begründer des Quartetts, Wilhelm Melcher und Gerhard Voss, handelt; vgl. Brockhaus Riemann Musiklexikon, Bd. 3, Mainz: Schott / München: Piper, © 1989 (erweiterte Taschenbuchausgabe), S. 111, Artikel Melos-Quartett.

[87] Vgl. daten zur geschichte der zeitschrift „melos“ auf der Webseite von „Schott Music“ siehe hier.  Nachdem ich mich Anfang November 2010 bei der Zeitschriften-Redaktion des Verlags nach der Herkunft der auf der Webseite genannten Informationen erkundigte hatte, gab mir Christina Rothkamm freundlicherweise folgende Auskunft: Stephan Schulze, Wo ist die Zeitschrift ,Melos‘ geblieben?, in: Musik & Ästhetik, hg. von Ludwig Holtmeier, Richard Klein und Klaus-Steffen Mahnkopf, 5. Jg., Nr. 18, Stuttgart: Klett-Cotta, April 2001, S. 85–98.

[88] Master's Thesis, 2005, University of Helsinki, Faculty of Arts, Institute for Art Research, Musicology and Aleksanteri Institute, © University of Helsinki, 13.9.2005, 133 Seiten; S. 37–38 et passim. Download der gesamten Arbeit hier.

[89] Vgl. Stephan Schulze (wie am Ende von Fußnote [87]), S. 88, wo es (ohne Quellengabe) über die Beziehung zu dem in Leningrad erschienenen Melos heißt: „Entscheidenden Einfluß auf seine [Scherchens] Zeitschriftengründung hatte wohl ein publizistischer Vorläufer, den Scherchen 1917 als internierter Zivilist im damals russischen Riga kennengelernt hatte.“ Vgl. auch Fußnote 8 auf S. 88 bei Schulze.

[89a] Diese Annahme wird freilich durch das folgende Buch weder bestätigt noch widerlegt: Hermann Scherchen, Rußland in jenen Jahren (1914–1918) [1922]; zweiter Text, in: ders., Aus meinem Leben [und] Rußland in jenen Jahren. Erinnerungen, hg. und mit einem Vorwort versehen von Eberhardt Klemm, 1. Aufl., Berlin [Ost]: Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, 1984, Reihe [ohne Nr.]: dialog, (144) S., S. (67)–125. In dieser Schrift berichtet Scherchen kurz von seiner persönlichen Bekanntschaft mit dem Theoretiker Arseni Awraamow (1886–1944), einem „der klügsten Köpfe spekulativer Untersuchungen“ (S. 124),  ergänzt  von E. Klemm in Anm. 5 auf S. 143. – Vgl. auch die Übersetzung Scherchens eines Textes von Avraamoff aus dem Russischen ins Deutsche, die im ersten Jahrgang von Melos (1920) abgedruckt wurde (siehe das Ende von Anm. [64]).

Awraamow kann hier aber nur eine Art Brücke zu der russischen Zeitschrift Melos bilden (in Elina Viljanens Master's Thesis auf S. 22 mit Fußnote 65, S. 37 und S. 116, vgl. Anm. [88]), da Scherchen weder die russische noch die deutsche Zeitschrift Melos oder Fritz Windisch namentlich erwähnt. Auch der vorausgehende Text Aus meinem Leben (S. 9–66) bringt die Ereignisse um Melos nicht zur Sprache. Der erste Text des Buchs stammt von 1957; der zweite von 1922, der, wie auf S. 8 zu lesen, zuerst in der Zeitschrift Sinn und Form (Heft 5/1968) erschien. Bis auf wenige Verbesserungen sei der vorliegende Buchtext identisch mit dem Erstdruck (Eberhardt Klemm).

Gleichwohl wird bei Viljanen als “penname” (das schriftstellerische Pseudonym) von Boris Asaf’ev der Name „Igor Glebov“ mehrfach genannt (S. 36, 37 et passim), der neben Suvčinskij einer der beiden Herausgeber des russischen Melos war. Da jedoch zugleich Scherchen in seiner lesenswerten Schrift über Russland im letzten Absatz seines Textes den russischen Musiktheoretiker „Igor Glebow“ benennt (siehe auf Seite 125), scheint mir ein Zusammenhang vorzuliegen. Nicht deutlich ist in Scherchens Text, ob es sich bei Igor Glebov bzw. Glebow [Игорь Глебов] um zwei Personen desselben Namens handelte oder nur um eine Person, die zwei verschiedene Namen gebrauchte; vielleicht ist aber nur eine andere Transliteration die Ursache.

Möglicherweise besteht eine Verbindung mit jenem „Igor Gljeboff“ [sic], von dem in Melos folgende Aufsätze erschienen:  Igor Gljeboff (Leningrad), Die Zukunft der russischen Musik, in: Melos. Zeitschrift für Musik, Heft 9, Berlin, 1. April 1925, S. 429–438; Die gegenwärtige russische Musikwissenschaft und ihre historischen Aufgaben, in: dass., Heft 6, März 1926, S. 175–182; Probleme der russischen Volksmusik, in: dass., Heft 1, Januar 1927, S. 11–18; Musikleben in Leningrad, in: dass., Heft 8/9, Aug./Sept. 1927, S. 396–309; Die junge Komponistengeneration in Leningrad [2 Teile], in: dass., März- und April-Heft 1928, S. 131–133 und 186–189.

[90] Vgl. Hermann Scherchen, Das Musikprogramm der Orag [Abkürzung von „Ostmarken Rundfunk AG“] im Winter 1928/29 (Nachdruck aus Melos, 7. Jg., Mainz: Schott, 1928, S. 605–608) in: Hansjörg Pauli und Dagmar Wünsche (Zusammenstellung), Hermann Scherchen, Musiker, 1891–1966, Berlin: Akademie der Künste / Edition Hentrich, 1986, S. 70–72; hier das Zitat über Hauer von S. 72.

[91] Hermann Scherchen, Arnold Schönberg, in: Melos, Jg. 1, Nr. 1, Berlin, Februar 1920, S. 9–10.

[92] Weitere Einzelheiten sind zu finden in dem Kapitel „Hermann Scherchen“, in: H. Henck, Fürsprache für Hauer. Hermann Heiß und die Hintergründe eines Briefes von Thomas Mann an Ellie Bommersheim im Jahre 1949, Deinstedt: Kompost-Verlag, 1998; hier S. 40–41, dazu die Anmerkungen auf S. 75–76 sowie die Bibliografie auf S. 91–92. – Mit dem im Haupttext genannten Aufsatz Scherchens könnte jener Brief in Verbindung stehen, den Hermann Scherchen an Ernst Kurth am 3. September 1920 aus Berlin-Friedenau schrieb. Der vorgedruckte Briefkopf lautete „Verlagsgesellschaft Neudendorff & Moll“ [sic], Berlin-Weißensee, Redaktion des ‚Melos’, Halbmonatszeitschrift für Musik“. Zur Zugehörigkeit von „Melos“ zur Druckerei von „Neuendorff & Moll“ (siehe Fußnote [114]). Vgl. dazu erstellt von Nora Schmid und Lea Hinden, Inventar Nachlass Ernst Kurth, Bern: Institut für Musikwissenschaft, September 2007, S. 90 (Signatur: S4.1) sowie Anhang II: Volltextbriefe zum Inventar Nachlass Ernst Kurth, erstellt von Nora Schmid aktualisiert von Lea Hinden, Version 4.0 (pdf-Datei), Bern, September 2007), hier der Brief vom 3. September 1920 auf S. 452: Brief von Hermann Scherchen unter Nr. S4.1. In diesem Brief steht als Adresse des Absenders unter anderem „Neudendorff”, was aber vermutlich auf die Transkription zurückgeht und nur ein Schreibfehler ist, da es sich um einen „gedruckten Briefkopf“ handelt und die Angabe im Verzeichnis Inventar (siehe oben) korrekt ist.

[93] Die zwei Notenbeilagen sind Hauers Präludium für Celesta (Beilage zu: Melos, 3. Jg., Nr. 1, Berlin, 1. November 1921) sowie 1. Klavierstück aus Opus 58 (Beilage zu: Melos, 3. Jg., Nr. 4/5, Berlin, August 1922).

[94] In der Ausgabe vom 16. Februar 1921 – 2. Jg., Nr. 4 (siehe unter Ziffer 2 den Aufsatz Hauers in Fußnote [95]) – stand auf S. 72 die Fußnote: „Demnächst erscheint im Melosverlag ,Deutung des Melos‘ von Josef Hauer, ein Buch, das weit über die Grenzen der Musik hinaus Bedeutung für unser Geistesleben hat. Die wichtigsten Kapitel werden in den Melosblättern erscheinen.“ Auch wenn einige Kapitel als „Vorabdruck“ in der Zeitschrift Melos erschienen, so wurde Hauers Buch erst 1923 und dann in einem anderen Verlag veröffentlicht: Deutung des Melos. Eine Frage an die Künstler und Denker unserer Zeit, Leipzig-Wien-Zürich: E. P. Tal & Co. Verlag, 1923. Datierung des Nachworts auf S. 74: „Wien, im Dezember 1920“.

In Windischs Nachlass ist ein großer Bogen zu finden, der die 1. Korrektur der beiden Anfangskapitel des Buches Deutung des Melos enthält (aufgeteilt in 2 mal 8 = 16 Druck-Seiten), wobei das Layout bereits der späteren Faltung vor dem Schnitt entspricht und der Bogen den Originalstempel mit der Aufschrift trägt: „WALDHEIM-EBERLE A.G. | 1. KORREKTUR | 31. AUGUST 1922“ (links: S. 16, rechts: Leerseite mit dem Stempel). In ein freies Feld des Stempels ist mit Bleistift die Nummer „1954“ eingetragen. (Die Wiener Offizin Waldheim-Eberle A.G. druckte Hauers Buch Deutung des Melos, wie der Rückseite seines Titelblatts zu entnehmen ist.) Es handelt sich hier somit um die zwei Kapitel Musikalische Bildung und Wie ich als kleiner Junge die Grundzüge der europäischen Kompositionsweise erlernte (vgl. Anm. [95]).

Ein anderer Buchtitel Hauers, in dem das „Melos“ in Erscheinung trat, lautet Vom Melos zur Pauke. Eine Einführung in die Zwölftonmusik (Wien-New York: Universal-Edition A.G., o. J. (auf S. 22 ist der Text datiert: „Wien, im Juli 1925“).

[95] 1.) Musikalische Bildung (1. Jg., Nr. 20 vom 1. Dezember 1920, S. 458–459); 2.) Wie ich als kleiner Junge die Grundzüge der europäischen Kompositionsweise erlernte (2. Jg., Nr. 4, vom 16. Febr. 1921, S. 72–73); 3.) Melodie oder Geräusch (2. Jg., Nr. 5/6 vom 2. April 1921, S. 94–97); 4.) Sphärenmusik (3. Jg., Nr. 3 vom Juni 1922, S. 132–133) und 5.) Melos und Rhythmus (3. Jg., Nr. 4/5 vom August 1922, S. 186–187).

[96] Erschienen in: Melos, 1. Jg., Nr. 18 vom 1. November 1920, S. 419–420.

[97] Postkarte im Bestand der Österreichischen Nationalbibliothek Wien mit Poststempel vom 18. Oktober 1923; vgl. Fußnote [107].

[98] Mir liegen zwei Zeitungsausschnitte dieses Konzertes vor: einer vom 22.12.1922 aus der Allgemeinen Musikzeitung und ein anderer vom 21.12.1922, dessen Herkunft mit „V“ bezeichnet ist, möglicherweise die Abkürzung für die Vossische Zeitung. In beiden Fällen handelt es sich nicht um die vollständigen Artikel, sondern nur um jene Teile, die Josef Matthias Hauer betreffen, so dass hier weder die Überschriften, die Verfasser der Artikel noch sonstige bibliografische Daten erkennbar sind und augenblicklich die Angaben über Erscheinungsort und -tag die wichtigsten Anhaltspunkte darstellen. Beide Artikel, die hart mit Hauers Werken und ihrer Ausführung ins Gericht gehen, konnten daher bislang nur außerhalb ihres ursprünglichen Zusammenhangs herangezogen werden, doch stammen beide aus der Zeitungsausschnittsammlung der Stadtbibliothek München zu Josef Matthias Hauer, welche mir zur Auswertung am 6. Aug. 2002 durch Vermittlung von Herrn Dipl. Bibliothekar Konrad Foerster zugänglich gemacht wurde und die ich in der Folge fotokopierte und ordnete. Fraglich ist jedoch, ob dieses Konzert mit Werken Hauers in Berlin oder in Leipzig veranstaltet wurde, da in beiden Städten eine „Melos-Gemeinschaft“ existierte, die von Fritz Windisch geleitet wurde (siehe den durch Fußnote [123] und [124] belegten Teil des Haupttextes). Dass auch „Leipzig“ in Frage kommt, hat darin seine Ursache, dass in beiden Veröffentlichungen von einem „Grotrian-Steinweg-Kammermusiksaal“ die Rede ist, der (nach einem überlieferten Programm vom 29. April 1923) in Leipzig lag, sofern Windisch nicht auch mit der Berliner Zweigstelle von Grotrian-Steinweg eine Konzertvereinbarung getroffen hatte.

Dass das besagte Konzert zumindest in Berlin stattfand, liegt dadurch nahe, dass sich Hauer wie Linschütz in dem erhaltenen Gästebuch von Herbert Graf auf Seite 2 untereinander eintrugen. Da Hauers Beitrag datiert ist, lässt sich das Konzert in Berlin näher eingrenzen. Hauers Worte hierbei lauten: „Das Klavier ist ein atonales Instrument, und atonale Musik | kann und darf nur auf atonalen Instrumenten vorgetragen werden. | Berlin, den 13. Dez. 1922 | Josef Matthias Hauer“. – Albert Linschütz schreibt unmittelbar darunter: „Alles nur mit Ausdruck in Musik, Architektur, Malerei! | Ing. Albert Linschütz.“ – Dieses Gästebuch ist durch Frau Dr. Ligner auf uns überkommen und liegt mir in Form von Fotografien vor. Zum Gästebuch von Herbert Graf vgl. hier.

[99] Vgl. dazu Alban Berg, „Prospekt des Vereins für musikalische Privataufführungen“, in: Schönbergs Verein für musikalische Privataufführungen, Reihe: Musik-Konzepte, Heft 36, hg. von Heinz Klaus Metzger und Rainer Riehn, München: edition Text + kritik GmbH, März 1984; S. (4)–7; hier S. 5, Nr. 4 (Wiederholung von Aufführungen) und Nr. 6b (Beifall).

[100] Brief (fast alles maschinenschr.) von Hermann Scherchen (Berlin-Tempelhof, Albrechtstr. 51) an Arnold Schönberg vom 26. Januar 1920, Zitate von Seite [3] (rechte Hälfte des Doppelblatts) und Seite [4] (linke Hälfte). Kursives im Original gesperrt; das Wort „Dank“ in Fettschrift.

[101] In Hugo Riemanns Musik-Lexikon von 1922 (vgl. Fußnote [2]) heißt es im Artikel über Windisch anstelle „zur Erkenntnis“ abweichend „zur Pflege“. Das einzige mir einsehbare Original-Programm (vgl. Fußnote [123]) benutzt als Titel freilich die Fassung „zur Erkenntnis“. Ebenso enthält der Vordruck des Absenders auf der Postkarte an J. M. Hauer (vgl. Fußnote [107]) die Bezeichnung „Erkenntnis“, und die Satzungen der Vereinigung (vgl. Anm. [119b]) sowie ihre Inserate in Melos tun dasselbe. Deshalb wurde diese Bezeichnung in vorliegendem Aufsatz als die vermutlich authentischere bevorzugt.

[101a] In Melos (1. Jg.) waren drei Inserate für Heft I und II des Kunsttopfs mit Inhaltsangabe zu finden: in Nr. 16 (1. Oktober 1920), S. 376, Nr. 18 (1. November 1920), S. 432 und Nr. 19 (16. November 1920), S. 456.

[101b] Vgl. auch die Diskussion in Anm. [3].

[102] “Irving S. Gilmore Music Library”, Yale University, New Haven, CT, USA; Signatur: Box 33, Folder 426. Vgl. Christopher Hailey (comp.), Register to The Paul Bekker Papers | MSS 50, New Haven: Yale University Library © 1996–2007); im Internet ist dieses Register im Umfang von 699 Seiten als pdf-Datei zugänglich (Printable PDF). Genannt werden an Schreiben Windischs an Bekker die folgenden Daten:

             1.)  13.7.1920
             2.)  20.10.1920
             3.)  8.4.1921
             4.)  18.4.1921
             5.)  25.5.1921
             6.)  7.6.1921
             7.)  1.7.1921
             8.)  13.8.1921
             9.)  27.8.1921
            10.)  16.9.1921
            11.)  [Oktober] 1921
            12.)  30.11.1921
            13.)  8.12.1921

Hierzu fügt das Register auf S. 372 (in Box 18, Folder 237) einen weiteren Brief Fritz Windischs unter dem Datum des 7.6.1919 (= Nr. 14). Ferner sind in diesem Verzeichnis auch Melos-Briefe von Carl Berfmann (17.7.1920, 22.7.1920, 1.9.1920, 15.10.1925) und von Hans Mersmann (11.7.1924, 25.8.1924, 8.11.1929) erfasst.

[103] Österreichische Nationalbibliothek, Wien, Handschriften-Abteilung, Signatur: H.I.N. 203841

[104] Staatsbibliothek Berlin, Musikabteilung, Signatur: Mus.Nachl. F. Busoni B II, 5508 [bis 5510] (Briefe an Busoni).

Derzeit (24. November 2009) ist auf den Webseiten des Londoner Auktionshauses „Sotheby’s“ die erste Seite jenes „Offenen Musik-Briefes“ reproduziert, der von Ferruccio Busoni stammt und die Überschrift trägt: „offener MusikBrief.“ Die Auktion (Lot 29) fand am 10. Juni 2009 statt. Dieser Brief beginnt mit „Lieber Herr Windisch“. Das Autograf wird folgendermaßen beschrieben: „7 pages, 4to (28 x 21.8cm), numerous autograph corrections and cancellations, some autograph entries in pencil, some annotations apparently by the recipient, [Berlin], 17 January, 1922, central fold.“ Die zugehörige Webseite, die auch eine Vergrößerung des Autografen enthielt, ist heute (30. Mai 2012) nicht mehr aufrufbar; doch hieß es hier: „Celebrated autograph letter signed ("Ferruccio Busoni"), in German, a late musical manifesto on harmony, to the editor of Melos Fritz-Fridolin Windisch, the ending apparently unpublished.“ – Der Brief wurde in dem Aufsatz Busoni und die italienischen Musiker der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts (S. 207–230) von Fiamma Nicolodi S. 211 (erster Absatz) behandelt; Abdruck des Aufsatzes in: Albrecht Riethmüller und Hyesu Shin (Hg.), Busoni in Berlin. Facetten eines kosmopolitischen Komponisten, Wiesbaden: Franz Steiner Verlag, Sitz Stuttgart, © 2004 (Online-Teilausgabe).

Abgedruckt wurde das Schreiben als Offener Musik-Brief von Ferruccio Busoni (incipit: „Lieber Herr Windisch!“), datiert: 12. Januar 1922, in: Melos. Monatsschrift für Musik, Chefredakteur: Fritz Windisch, Jg. 3, Heft 2 [Berlin, Februar 1922], S. 59 bis 61. – Englische Übersetzung in Melos Nr. 4/5 im August 1922, S. 180–181, französische Übersetzung ebd., S. 182–183.

[105] Akademie der Künste, Berlin, Eduard-Erdmann-Archiv, Laufende Nr. 361 (Findbuch). [Webseite im April 2016 nicht mehr abrufbar.]

[106] Dt. Literaturarchiv, Marbach, Signatur: A:Halm, Zugangsnummer: 69.1008

[107] Österreichische Nationalbibliothek Wien, Handschriftensammlung (Signatur: 600/27-1; Alter Katalog, Zettel 133972). Zu danken ist vielmals Ingeborg Formann, (Dipl.-Ing. [FH] Mag.), Wien, Österreichische Nationalbibliothek, für eine Kopie dieser Postkarte an Hauer.

[108] Die Briefe sind sämtlich von dem Wiener „Arnold Schönberg Center“ ins Internet gegeben, wo die Originale kostenlos als Farbscans abgerufen werden können. Die Adresse für die beiden Suchmöglicheiten lauten:
     http://schoenberg.at/letters/search_quick.php (Einfache Suche) bzw.
     http://schoenberg.at/letters/search_extended.php (Komplexe Suche).
Auch andere Briefe Schönbergs findet man hier, in denen Windisch erwähnt wird, sobald man „Windisch“ in die unterste, mit „Text“ bezeichnete Such-Zeile einträgt. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass es auch einen Cellisten namens „Wilhelm Windisch“ gab, dessen Namen in der Korrespondenz gelegentlich fällt, so dass sich nicht alle Treffer auf Fritz Windisch und „Melos“ beziehen.

[108a] Hier dürfte es sich um James Simon handeln, der 1880 in Berlin geboren wurde und 1944 im KZ Auschwitz starb, nachdem er 1941 zunächst nach Theresienstadt deportiert worden war. Als Pianist war er Schüler von Conrad Ansorge (1862–1930), als Komponist auch Schüler von Max Bruch (1838–1920). Die in dem Brief an Windisch genannte und damals noch in Arbeit befindliche Oper Simons dürfte die 1925 in Stuttgart uraufgeführte Oper Die Frau von Stein sein. Simon befasste sich offenbar eingehend mit der Biografie Goethes und schrieb, noch vor seiner Promotion in München, 1906 das Buch Faust in der Musik. Simon ist in vielen größeren Musiklexika mit einem eigenen Artikel vertreten, jedoch nicht in den zwei Ausgaben der Musik und Geschichte und Gegenwart. In dem Lexikon der Juden in der Musik, hg. von Th. Stengel und H. Gerigk, ist er in Spalte 258 genannt (Berlin: Hahnefeld 1940; Faksimile-Ausgabe, hg. von Eva Weissweiler, Köln: Dittrich, 1999). In welchem Umfang Simon für Melos tätig wurde, vermag ich derzeit nicht zu sagen, doch erwähnte er in seinem Brief an Windisch einige Vorhaben. Unter anderem bedankte er sich bei Windisch für den Erhalt des Melos-Heftes „III,3“, worin ein Beitrag von Simon nachweisbar ist (vgl. die Ausgabe vom Juni 1922, 3. Jg., Nr. 3, wo Dr. James Simon unter den Autoren der Noten- und Bücherbesprechungen verzeichnet ist). Dem genannten Heft war das Inhaltsverzeichnis von Melos für den 2. Jahrgang (1921) beigelegt, aus dem hervorgeht, dass Simon hier auf S. 140 und 165 Werke von Otto Klemperer (Missa sacra) sowie Lieder und Sonaten von Alexander Maria Schnabel (1889–1968) besprach. Da Schnabel auch eine Faustsymphonie (1908) schrieb, könnte die Beziehung auf Goethe die Verbindung zwischen den beiden Komponisten hergestellt haben. Vgl. ferner die Übersicht mit den Konzerten der „Melos-Gemeinschaft“ vom 11.1.1922 und vom 25.4.1922, in denen Simon in der Saison 1921/1922 als Pianist auftrat. – Über James Simon erschienen auch ein Artikel und Foto im folgenden Werk: Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft. Das Handbuch der Persönlichkeiten in Wort und Bild, Hauptschriftleitung: Dr. Robert Volz, Zweiter Band (L-Z), Berlin: Deutscher Wirtschaftsverlag, 1931, S. 1787–1788.

Simon wohnte damals (1922) in Berlin-Grunewald in der Paulsborner Straße 43, eine Adresse, die sich noch bis 1933 mehrfach nachweisen ließ. Vgl. das Berliner Adreßbuch 1922, Teil I, S. 3111, Sp. [2], Eintrag 20 von unten, wo Simon als promovierter „Tonkünstler“ genannt wird. Im Berliner Musikjahrbuch 1926, hg. von Arnold Ebel, ist Simon auf S. 162 im Abschnitt Klavier und Orgel (Herren) verzeichnet. Hier wird dieselbe Anschrift mitgeteilt, die auch Erich H. Müller in seinem Deutschen Musiker-Lexikon (Dresden: W. Limpert, 1929, Sp. 1354 [nicht „1554“]) angibt, und sie wird durch die zwei folgenden Adressbücher bestätigt: JÜDISCHES ADRESSBUCH FÜR GROSS-BERLIN, Ausgabe 1931, Gültig bis Mitte 1932, Berlin: GOEDEGA-VERLAGSGESELLSCHAFT M. B. H., Vorwort am Schluss datiert: „Berlin, im Juni 1931“, hier S. 385, in Sp. [3], 10. Name von unten sowie das Berliner Adreßbuchs 1933, wo Simon als promovierter „Pianist“ aufgeführt ist (Teil IV, S. 1276, Sp. [3]). – Von Simon sind Briefe in dem Kalliope-Verbundkatalog nachgewiesen.

[108b] Der handschriftliche Brief Stuckenschmidts enthält die Ortsangabe „Bremen“, wobei an folgenden Aufsatz mit demselben Ortsnamen zu denken ist:  H. H. Stuckenschmidt (Bremen), Zwölftöne-Musik, in: Melos. Zeitschrift für Musik, Schriftleitung: Hans Mersmann, 4. Jg., Heft 11, Berlin, Juli 1925, S. 518–522 (der erste Teil des Aufsatzes behandelt Schönberg, der zweite Hauer).

[109] Tiessen-Archiv der Akademie der Künste, Berlin, alte Archiv-Signatur: 1.85.174. Vgl. Findbuch.

[110] Kommentar in Ernst Viebig [nicht ganz klar ist, ob diese Signatur auf S. 55 auch für den Anfang des Artikels gilt], Echo der Zeitschriften, in: Die Musik, hg. von Bernhard Schuster, 15. Jg., Erster Halbjahrsband. Heft 1, Stuttgart, Berlin und Leipzig: Deutsche Verlags-Anstalt [etc.], Oktober 1922, S. 51–55, hier S. 51–52 (zu Fritz Windischs Aufsatz Harmonie in Heft 4/5 von Melos).

[111] Vgl. Fußnote [94].

[112] So erschienen in Mainz: Hans Mersmann, Die Tonsprache der neuen Musik (Reihe: Melosbücherei, Bd. 1, 1928, zweite Auflage 1930), von Heinz Tiessen, Zur Geschichte der jüngsten Musik (1913–1928). Probleme und Entwicklungen (Reihe: Melosbücherei, Bd. 2, 1928) und von Heinrich Strobel das Buch Paul Hindemith (Reihe: Melosbücherei, Bd. 3, 1928; zweite Auflage 1931). Vgl. das ganzseitige Inserat in Melos, Juli 1928, S. 334: „Heute erschienen!“ – Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Bezeichnung „Melos-Verlag“ erneut gebraucht und bis in die fünfziger Jahre verwendet.

[113] Das erste Heft der Zeitschrift Melos im Februar 1920 nennt als Adresse: „Berlin Weissensee, Berliner Allee 71, Fernruf: Ws. [Weissensee] 126“.

[114] Vgl. den Inserat-ähnlichen Eintrag „Melos-Verlag“ in: Berliner Adreßbuch 1921, Teil IV, S. 80, Sp. [5]. Vgl. auch den Eintrag in Teil I, S. 1947, Sp. [4]. – „Neuendorff & Moll“ war stets unter der Adresse „Berliner Allee 71“ in Berlin-Weißensee  ansässig.  Vgl. hierzu Fußnote  [92], wo ein Brief Scherchens vom 3. September 1920 benannt wird. Windisch schrieb auch auf Briefpapier von „Melos“ an Schönberg am 30. Mai 1921, wobei zwar keine Adresse für die Geschäftsstelle des „Melos-Verlags“, jedoch die Telefonnummer „Weißensee 126“ angegeben wird, welche jene der Druckerei „Neuendorff & Moll“ in der Berliner Allee 71 war. In seinem nächsten Brief an Schönberg vom 29. Juni 1922 hatte sich die Verlagsadresse in „Berliner Allee 57“ geändert, und in dem Vordruck des Briefpapiers erschienen, in einem Rahmen links unten, unter anderem zuerst die beiden Telefon-Nummern von „Bergmanns Verlagsgesellschaft“ (Weißensee 653 und 736), ohne dass in beiden Fällen die ursprünglichen Telefon-Inhaber benannt wurden; vgl. auch Fußnote [115].

Bestätigt wird diese Datierung „1921“ durch eine zufällig gefundene Rezension (es gibt gewiss noch andere in der Lokalpresse) von Josef Zmigrod, in der es heißt: „In dem letzten Kammermusikabend des Melosverlages (Leitung Fritz Windisch) wurde von dem trefflichen Lambinonquartett ein Streichquartett des bedeutenden italienischen Tonsetzers Francesco Malipiero zur deutschen Uraufführung [Erstauff.] gebracht. Der erste Teil des einsätzigen Werkes ist von starker Wirkung, eine fervente, farbenreiche Musik. Dann bricht die innere Kurve ab, und es folgt ein Aneinanderketten von mehr oder minder plastischen Motiven und Motivmolekülen, aber keine erformende Entwicklung und kein eigentlicher Höhepunkt. Immerhin eine beachtenswerte Bekanntschaft.“ Es dürfte sich hier wohl um das Konzert gehandelt haben, das in der dritten Zeile der Übersicht für den 23. November 1921 angekündigt war (siehe hier) und das Malipiero-Streichquartett Nr. 1 (Rispetti e strambotti) aus dem Jahre 1920 enthielt. Vgl. Jos[ef] Zmigrod im Abschnitt III. Konzertrundschau (S. 11–14), in: Der Kritiker. Zeitschrift für Kunst, Politik und Wirtschaft, hg. von C[arl] F[riedrich] W[ilhelm] Behl und Dr. Neulaender, 3. Jg., Nr. (22), Berlin-Charlottenburg, 1. Dezemberheft 1921, S. 13 (kursiv Gesetztes des Zitats: im Original gesperrt).

[114a] Was genau „Bergmanns Verlagsgesellschaft“ verlegte, ist mir nicht ganz klar geworden, denn ich konnte nur ein einziges Buch nachweisen: Branchen-Telefon-Adreß-Buch (B. T. A. B.) für Berlin-Weißensee und Umgegend, Berlin-Weißensee, Berliner Allee 57: H. F. C. Bergmann, 1921, 27 Seiten, gr.8. Vermerk: „Erscheinen vorläufig eingestellt“. Vorhanden in: Deutsche Nationalbibliothek Leipzig, Signatur: ZA 3450; Webseite zum Titel hier.

[115] Vgl. Berliner Adreßbuch 1922, Teil II, S. 94, Sp. [1]: Tel. 653 und 736. Siehe auch die Einträge in Teil I, S. 2082, Sp. [2] sowie in Teil IV, S. 1764, Sp. [6] („Bergmanns Verlagsgesellschaft“ unter derselben Adresse wie der „Melos-Verlag“). – „Berliner Allee 57“ war zugleich die Adresse von „H. F. C. Bergmanns Verlagsgesellschaft“ (Telefon 653 und 736), wie das Berliner Adreßbuch 1922, Teil II, S. 849 (letzter Eintrag der Seite) unter Weißensee, Verlagsbuchhandlungen zeigt. Die angegebenen Telefonnummern stimmen mit jenen des „Melos-Verlags“ auf S. 94 (siehe oben) überein. Vgl. auch den Eintrag im Jahrgang 1922, Teil I, S. 192, Sp. [3]. – Man bedenke, dass Klaus Pringsheim in der Weltbühne (Nr. 14 vom 3. April 1924, S. 457), Herbert Graf zitierend, zweimal einen Herrn namens „Bergmann“ nennt, wobei Bergmann beim ersten Mal von Graf als „Intimus“ Windischs bezeichnet wurde. Vgl. „H. F. C. Bergmanns Verlagsgesellschaft“ auf der ersten Seite (Titel und Inhalt) der Ausgabe von Melos, 3. Jg., Nr. 3, Berlin, im Juni 1922. „Bergmanns Verlagsgesellschaft“ wechselte freilich schon 1923 in die Potsdamerstr. 134a (Berliner Adreßbuch 1923, Teil 1, S. 191, Sp. [3], hervorgehobener Eintrag, dabei Telefonnummer: Lzw. [Lützow] 4443), wo sich aber im Straßenverzeichnis kein Eintrag auffinden ließ.

Stattdessen waren 1923 der Schriftsteller H[erwarth] Walden unter dieser Adresse Potsdamer Str. 134a wohnhaft sowie die Kunstbuchhandlung „Der Sturm“ in der „Potsdamer Straße 138a“ [sic] (vgl. Berliner Adreßbuch 1923, Teil IV, S. 733, Spalte [1] bzw. [2]); 1925 verzeichnet das Berliner Adreßbuch sowohl den Verlag „Der Sturm“ als auch Herwarth Walden (1878–1941) in der Potsdamer Str. 134a. Man findet den ausgeschriebenen Namen des Schriftstellers auch in dem Berliner Adreßbuch 1928, wo im Teil I auf S. 3692 (Sp. [3]) die Ergänzung von Walden, Herwarth lautet: „Kunstausstellung“ und man nun dieselbe Adresse „Potsdamer Str. 134a“ liest.

Dass dies kaum Zufall sein kann, wird durch Hans Heinz Stuckenschmidts Worte deutlich, der Zeitzeuge war und in seinem Buch Neue Musik schrieb: „Eine ähnliche Verbindung [von bildender Kunst und Musik] bestand später (1921) zwischen der ,Melos-Gemeinschaft‘ unter der Leitung von Fritz Windisch […] und dem ,Sturm‘, der Hochburg des internationalen Expressionismus. In einer Etage der Potsdamer Straße veranstaltete der ,Sturm‘ seit 1910 unter der Leitung von Herwarth Walden eine permanente Ausstellung modernster Malerei und Plastik.“ Daraufhin nennt Stuckenschmidt eine Reihe bildender Künstler, die zum Teil Weltruhm erlangten, und kommt schließlich auch auf die Kompositionsweise von Herwarth Walden zu sprechen: „Merkwürdigerweise war dieser fanatische Vorkämpfer neuer Ideen in der Malerei und Literatur ein völlig konventioneller Dreiklangapostel, wenn es ans Komponieren ging. Seine Musik […] wirkte wie ein harmloser Klang aus Bürgerstuben.“ Vgl. Hans Heinz Stuckenschmidt, Neue Musik, mit einem Vorwort von Carl Dahlhaus (zuerst Berlin: Suhrkamp Verlag, © 1951), Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1981, (Reihe: suhrkamp taschenbuch, Bd. 657), S. 167. Mag sein, dass Stuckenschmidt mit dieser Einschätzung von Waldens Musik Recht hatte, vielleicht irrte er aber.

Das musikalische Schaffen von Herwarth Walden ist durch mehrere Inserate angedeutet, welche in der Zeitschrift Der Sturm (1910–1932) stehen (zum Beispiel 13. Jg., Heft 7/8, Juli/August 1922, hintere innere Umschlag-Seite mit ganzseitigem Inserat der in dem „VERLAG DER STURM / G. M. B. H.“ erschienenen Ausgaben; darunter der Abschnitt „Musik | Herwarth Walden | Gesammelte Tonwerke“ (das höchste mit einer Nummer belegte Werk ist hier der Tanz der Töne „Werk 23“). Vgl. auch die keineswegs seltenen „STURM-ABENDE“ auf der Rückseite dieses Heftes. – Im Jg. 12, Heft 2, Februar 1921 (unpaginierte S. 36–37) derselben Zeitschrift ist Herwarth Waldens Lied Wankelmut nach einem Text von August Stramm (1874–1915) als Manuskript abgedruckt, welches eine erste Vorstellung von Waldens Komponierweise vermitteln mag. – Zu seinem fünfzigsten Geburtstag (am 16.9.1928) gab ein Aufsatz von Otto Ernst (O. E.) unter dem Titel Herwarth Walden auch eine kurze Übersicht von Waldens Musik (vgl. DER STURM, Jg. 19, Heft 7, Oktober 1928, S. 282). Etwas näher auf sein Schaffen als Musiker geht im selben Heft Rudolf Blümner ein in dem Aufsatz Herwarth Walden (S. 283–285; hier besonders S. 284–285).

Die Kooperation von „Melos“ mit dem Sturm ist durch zahlreiche Inserate belegbar, die in den Jahren 1923 bis 1929 in Dem Sturm erschienen, Inserate, die sich erst auf die Zeitschrift Melos, später auf die Melosbücherei bezogen. Immerhin ließen sich in diesem Zeitraum mindestens zwanzig solcher Inserate über „Melos“ auffinden („mindestens“, weil mir nicht sämtliche Hefte des Sturm vorlagen). Andererseits fanden in den Räumlichkeiten des „Sturm“ Konzerte statt, die von der „Melos-Gemeinschaft“ veranstaltet waren und die das „Melos“ in ihrem Namen trugen (siehe hier, oben rechts).

Im Folgenden sei eine Liste von „Melos“-Inseraten in Der Sturm zusammengestellt (ibid. = „ibidem“ bezeichnet, dass das Inserat an derselben Stelle wie in dem unmittelbar vorher genannten Heft erschien):

    1923 (14. Jg.): Heft 3, März 1923, hinteres Umschlagblatt, innen, links
    unten (mit Fritz Windischs Namen als Herausgeber und seiner Anschrift in Berlin
    -Niederschönhausen, Lindenstraße 35b) – Heft 4, April 1923, ibid.

    Leider kam in diesen beiden Inseraten von 1923 derselbe Druckfehler gerade in der größten Schrifttype vor, so dass zweimal vom „MELOS-VELRAG“ geschrieben wurde, was in dieser offensichtlich sehr gut betreuten Zeitschrift DER STURM recht ungewöhnlich ist.

    1925 (16. Jg.): Heft 6, Juni 1925, hinteres Umschlagblatt, außen, links unten – Heft 9, September 1925, ibid. – Heft 10, Oktober 1925, ibid. – Heft 11/12, Nov./Dez. 1925, ibid.

    1926 (17. Jg.): Heft 1, April 1926, vorderes Umschlagblatt, innen, links unten – Heft 2, Mai 1926, ibid. – Heft 3, Juni 1926, hinteres Umschlagblatt, außen, rechts unten – Heft 4, Juli 1926, ibid.

    1927 (17./18. Jg.): (17. Jg.) Heft 10, Jan. 1927, vorderes Umschlagblatt, innen, rechts unten – Heft 11, Febr. 1927, ibid. – Heft 12, März 1927, ibid. – (18. Jg. ): Heft 9, Dez. 1927, unpaginierte Seite, gegenüber von S. 121, rechts unten

    1928 (18./19. Jg.): (18. Jg.) Heft 12, März 1928, vorderes Umschlagblatt,
    innen, rechts, Mitte – (19. Jg.) Heft 7, Oktober 1928, vorne, innen, untere Halbseite, Inserat zur MELOSBÜCHEREI (3 Titel) – Heft 8, Nov. 1928, ibid. (unten). – Heft 9, Dez. 1928, ibid., unten

    1929 (19. Jg. [Forts.]): Heft 10, Jan. 1929, Inserat zur Melos-Bücherei, ibid. – Heft 11/12, Februar-März 1929, Inserat zur Melos-Bücherei, ibid.

Herwarth Walden revanchierte sich, indem er seinerseits acht Inserate in Melos veröffentlichte, die im Folgenden gleichermaßen zusammengestellt sind:

    1922 (Jg. 3): Heft 1, 1. November 1921, S. 54 (Sturm-Abende)

    1925 (Jg. 5): Heft 3, Dezember 1925, S. 116 (H. Walden, Im Geschweig der Liebe. Gedichte)

    1927 (Jg. 6): Heft 6, Juni 1927, S. 290 (H. Walden, Einblick in Kunst) – Heft 7, Juli 1927, S. 344 (H. Walden, Einblick in Kunst) – Heft 10, Oktober 1927, S. 458 (H. Walden, Einblick in Kunst) – Heft 11, November 1927, S. 501 (H. Walden, Einblick in Kunst) – Heft 12, Dezember 1927, S. 550
    (H. Walden, Einblick in Kunst)

    1928 (Jg. 7) [Heft 3, März 1928], S. 155 (H. Walden, Einblick in Kunst)

Trotz dieses Zusammenhangs, dessen Ausgeglichenheit ich nicht beurteilen kann, sei nicht übersehen, dass Der Sturm nur selten Bezug zur Musik hatte und nicht als Musikzeitschrift misszuverstehen ist. Hierdurch wird auch verständlich, dass der Name Hermann Scherchen in dem genannten Zeitraum gar nicht erwähnt wird und der von Fritz Windisch nur in zwei Anzeigen mit demselben Text erscheint. Auch wird in Der Sturm auf keine der Veranstaltungen von „Melos“ oder die Zeitschrift dieses Namens hingewiesen. Herwarth Waldens eigene musikalische Bestrebungen, denen man (außer in dem Heft zu seinem fünfzigsten Geburtstag) fast nur im Anzeigenteil des Sturm begegnet, oder Jörg Magers Aufsatz Vierteltonmusik (13. Jg., Heft 6, Juni 1922, S. 92–96 [Anfang]; Schluss in Heft 7/8, Juli/August 1922, S. 119–124) sind nur als Ausnahme einer Zeitschrift zu werten, in der ansonsten hauptsächlich Werke der bildenden Kunst und Literatur angesprochen wurden und die vor allem dem Verständnis des Expressionismus und seiner Verbreitung diente.

Die Hefte von Der Sturm und Melos liegen zum größten Teil digitalisiert vor, vgl. hier (Weblinks) und hier.

[115a] Zu Walter Fehr vgl. das Berliner Adreßbuch 1922, Teil I, S. 676, Sp. [2].

[115b] Wiedergabe durch das Deutsche Historische Museum, Berlin, auf einer heute (21.9.2014) nicht mehr aufrufbaren Webseite. Das Plakat konnte links oben (unter „1918–33“) vergrößert werden; danach fand man unter dem Bild auch einige Informationen wie den Druck bei „Bergufehr“.

[115c] Von der Druckerei Felix Neuendorf sah ich im Internet unverhofft ein hier hergestelltes Plakat, das in Rot und Schwarz (wie unten), aber auch in diversen Schrifttypen und -größen gedruckt war. Es zeigt, dass die Druckerei noch 1945 unter derselben Adresse arbeitete (Download des Plakats).

    Wir rufen die gesamte | antifaschistische | Bevölkerung zur | GROSS- | KUNDGEBUNG | der | Christlich-Demokratischen Union Deutschlands | Ortsgruppe Weissensee | am Sonntag, dem 19. August 1945 10.30 Uhr vormittags | i m  S c h l o s s - K i n o | Berlin-Weißensee, Berliner Allee 205–210 | [rechts unterzeichnet:] Der Aktionsausschuss | Ortsgruppe Berlin-Weißense[e] [unten rechts Eckabriss mit minimalem Textverlust] | [links unten unter einem waagrechten Trennstrich über dem sehr kleinen Text:] Druck: Felix Neuendorff, Bln.-Weißensee, Berliner Allee 71

Da ich in dem Text des zuletzt genannten Plakatdruckers die Hausnummer nicht mit Sicherheit entziffern konnte, fragte ich an bei der KAS [Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.], Archiv für Christlich-Demokratische Politik, Sankt Augustin, wonach ich am 13. April 2015 einen Scan des fraglichen Textes erhielt, in dem ich die letzte Zeile klar lesen konnte (siehe Zitat wie vorstehend). Über die genannte Druckerei Felix Neuendorff liegen in der KAS keine Dokumente vor. – Bei dem besitzenden Archiv bedanke ich mich vielmals für seine Unterstützung, besonders bei Herrn Martin Falbisoner M.A.

[116] Vgl. Berliner Adreßbuch 1923, Teil I, S. 2056, Sp. [1]. – Vgl. auch die Adresse Windischs hier in zwei Inseraten von Der Sturm (März und April 1923).

[117] Vgl. – Berliner Adreßbuch 1925, Teil I, S. 2070, Sp. [4] sowie Teil II,
S. 109, Sp. [4]; – Berliner Adreßbuch 1926, Teil I, S. 2135, Sp. [3] sowie Teil II,
S. 110, Sp. [4]; – Berliner Adreßbuch 1927, Teil I, S. 2206, Sp. [4] sowie Teil II,
S. 108, Sp. [1]. – Vgl. auch die „Melos“-Anzeigen in DER STURM (1925) hier.

[117a] Vgl. hier die Datierung in DER STURM, wo ab 18. Jg., Heft 9 (Dez. 1927) der Verlag B. Schott’s Söhne in Mainz bei einem „Melos“-Inserat angegeben ist.

[118] Vgl. Fußnote [67].

[119] Fritz Windisch, „… ach, wie schießt ihr schlecht!“, in: Die Weltbühne. Der Schaubühne 20. Jg., hg. von Siegfried Jacobsohn, Erster Halbband, Nr. 13, Berlin, Charlottenburg, 27. März 1924, S. 417–419. – Der Ausruf „Ach, wie schießt ihr schlecht!“ ist ein Zitat, das Andreas Hofer (1767–1810) zugeschrieben wird; Hofer habe diese Worte benutzt, als ihn bei seiner Hinrichtung in Mantua die erste Gewehrsalve nur verletzte, doch nicht tötete. Der Satz ging ein in die Tiroler Landeshymne, wo es am Ende heißt: „Dann ruft er: Nun, so trefft mich recht! | Gebt Feuer! Ach, wie schießt ihr schlecht! | Ade, mein Land Tirol! | Ade, mein Land Tirol!“. Vgl. über den Zusammenhang, in dem der Aufsatz Windischs steht, in Kapitel 6 den Abschnitt Ein Skandal und sein Nachspiel in der „Weltbühne“.

[119a] Inserat in Melos, 1. August 1921, 2. Jg., Nr. 10, vorderer innerer Umschlag (FWN).

[119b] Satzungen!, 4 einseitig maschinenschriftlich ausgefertigte Seiten mit § 1–§ 14, Korrekturen mit Bleistift (FWN). In § 1 heißt es unter der Überschrift Satzungen!: „Der Verein führt den Namen ,Melos‘ Gemeinschaft zur Erkenntnis zeitgenössischer Musik e.V. Der Verein soll in das Vereinsregister des Amtsgerichts Berlin-Mitte eingetragen werden. Die Geschäftsstelle ist Berlin Weissensee, Berliner Allee 57.“ Aus § 4 (S. 2) der Satzungen geht ferner hervor, dass die Kammermusikabende 14-tägig „in den Gesamträumen der Sturm-Ausstellung Berlin W 9, Potsdamerstr. 134a“ stattfinden sollten, was auch in der Saison-Übersicht der MELOS-GEMEINSCHAFT unter Konzertsaal angegeben ist (vgl. die Abbildung, oben rechts).

[119c] Auszug aus den Satzungen, in: Melos, 3. Jg., Nr. 3, im Juni 1922, hinterer innerer Umschlag, Berlin, Juni 1922 (FWN).

[119d] Melos, 3. Jg., Nr. 3, Juni 1922, vorderer innerer Umschlag (FWN). Vgl. die in Anm. [99] erwähnte Parallelität der „Melos“-Konzerte zu den Konzerten in Schönbergs 1918 gegründeten „Verein für musikalische Privataufführungen“. Das Juni-Heft 1922 von Melos enthielt damit nicht weniger als drei Inserate mit Bezug auf die „Melos-Gemeinschaft“ (Umschlag, Seite [2], [3] und [4]).

[119e] Wie vorige Anmerkung.

[120] Vgl. das Zitat von Graf auf S. 389 der Weltbühne (siehe oben). Hiernach wäre auch die Information von Ole Hass zu berichtigen, die in Fußnote 4 auf S. xvii seines Aufsatzes (wie Fußnote [1]) besagt: „Herbert Graf initiierte auch die Konzertreihe der Melos-Gemeinschaft in Berlin.“

[121] Heinz Tiessen, Das Verhältnis zum heutigen Schaffen, in: Manfred Schlösser (Hg.), Für Heinz Tiessen 1887–1971, Berlin: Akademie der Künste Berlin, © 1979, Schriftenreihe der Akademie der Künste, Bd. 13, S. 112. Zum Begriff „musikbeflissenen“ vgl. hier.

[122] Vgl. etwa den unsignierten Artikel Kleine Notizen, in: Rheinische Musik- und Theater-Zeitung, hg. von Dr. Gerhard Tischer, 23. Jg., Nr. 23/24, Cöln-Bayenthal: Tischer & Jagenberg, 3. Juni 1922, S. 206, linke Spalte. Ferner Aus dem Konzertsaal [Fortsetzung der Nachrichten aus dem musikalischen Leben), in: dass., 25. Jg., Nr. 23/24, Köln-Bayenthal: Tischer & Jagenberg, 28. Juni 1924, hier S. 204, linke Spalte.

[123] Das Programm gibt zwar nur „Sonntag, den 29. April“ und kein Jahr an, doch lässt sich einem „Ewigen Kalender“ entnehmen, dass hier nur das Jahr 1923 gemeint sein kann, denn in den umliegenden Jahren fiel nur 1917, 1928 und 1934 der 29. April auf einen Sonntag. Das Jahr lässt sich dadurch bestätigen, dass der auf der Rückseite des Programms genannte Sonntag, der 13. Mai ebenfalls nur im Jahre 1923 vorkam, wobei wiederum die Jahre 1917, 1928 oder 1934 ausgeschlossen werden können.

Das Programmblatt, von dem die Rede ist, ist Teil der „Alfred Lichtenstein Collection 1874-2004 1901-1986“, die im Besitz der Archive des „Leo Baeck Institute“ in New York ist. Ein download des Bestandes ist als pdf-Datei hier möglich. Das „Melos“-Programm lässt sich auf Seite 520 und 521 des pdf-Dokuments aufrufen. Hinzuweisen ist darauf, dass Alfred Lichtenstein, aus dessen Nachlass das Leipziger Programm stammt, am 7. Dezember 1921 in einem Konzert der Berliner „Melos-Gemeinschaft“ als Solo-Flötist mitwirkte (Sonate von Sigfrid Karg-Elert).

[124] Hinsichtlich des Grotrian-Steinweg-Kammermusiksaales wurde mir dieses von Burkhard Stein, dem heutigen Geschäftsführer von Grotrian-Steinweg in Braunschweig, bestätigt: Bis zum Jahr 1945 wurde in Leipzig am „Dittrichring 18“ eine Filiale der Firma unterhalten, während die Adresse der Berliner Filiale „Bellevuestraße 14“ gelautet habe. Herrn Stein ist vielmals zu danken für seine freundlichen Auskünfte Mitte November 2010 (E-Mail).

[125] Vgl. den Eintrag „Jost, Franz, Musikalienhandlung im Peterssteinweg 1; 1890 gegründet, 1940 noch im Geschäft“ auf der Webseite des „Leipzig-Lexikons“ unter http://www. leipzig-lexikon.de/reg/j.htm. Auch gab es einen „Verlag von Franz Jost, Leipzig“, der Noten verlegte. Sowohl das Stadtarchiv von Leipzig sowie das „Stadtgeschichtliche Museum“ von Leipzig bestätigten mir im Dezember 2010 dankenswerterweise, dass hier nur Leipzig gemeint sein könne; weitere Recherchen in lokalen Tageszeitungen über die „Melos-Gemeinschaft“ waren jedoch nicht möglich.

[125a] Deutlich wird hier, dass das Konzert in Leipzig am selben Sonntag, dem 13. Mai 1923, wie das Konzert in Grafs Berlin-Dahlemer Landhaus (siehe hier) stattfand und dass in beiden Fällen das „Amar-Quartett“ spielte (was eben nur möglich war, da das Leipziger Konzert als Matinee auf 11 Uhr angesetzt war). Zwar ist auf dem erhaltenen Programm von Herbert Graf keine Uhrzeit angegeben, doch da der Nachmittag dem Ortswechsel zu dienen hatte, müsste das Konzert bei Graf erst abends stattgefunden haben. Das in der Leipziger Vorschau „Hindemith-Amar-Quartett“ genannte Ensemble wurde in Berlin nur als „Amar-Quartett“ (Licco Amar, Walter Caspar, Paul Hindemith und Maurits Frank) bezeichnet. – Diese Aufführung bei Graf ist nicht zu verwechseln mit dem hier beschriebenen Konzert des Amar-Quartetts in Berlin im Oktober 1923 (vgl. Anm. [142], zweiter Absatz).

Im Abschnitt Notizen (Teil Aus Oper und Konzert) bringt ein unsignierter Beitrag Klarheit, denn er beginnt „,Melos-Kammermusikveranstaltung Berlin - Leipzig. Unter der musikalischen Führung von Fritz Windisch fanden während der Saison 1922/23 in Leipzig 7, in Berlin 9 ‚Melos‘-Kammermusikveranstaltungen Berlin - Leipzig statt.“, in: Zeitschrift für Musik. Halbmonatsschrift für Musiker und Freunde der Tonkunst, hg. von Alfred Heuß, 90. Jg., Nr. 13/14, Leipzig, Juliheft, 14. Juli 1923, S. 300–301. – Vgl. zur „Melos“-Gemeinschaft in Leipzig ferner Walter Niemann, Aus dem Leipziger Musikleben, in: Zeitschrift für Musik, 90. Jg., Nr. 7, (1. Aprilheft), Leipzig, 7. April 1923, S. 153–155: hier die S. 153–154 zur „5. Melos-Veranstaltung“.

[126] „1903“ wird unter anderem genannt in Erich H. Müllers Deutschem Musiker-Lexikon (Dresden 1929, Spalte 439); in: Frank/Altmanns Kurzgefaßtem Tonkünstler-Lexikon (Bd. 1, A–K, Wilhelmshaven 1974, S. 246) sowie im Riemann Musiklexikon (Personenteil, A–K, Mainz 1959, S. 666); selten wird „1904“ als Geburtsjahr bezeichnet, so im online zugänglichen Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit.

[127] Vgl. Ole Hass (wie Fußnote [1]), hier S. xvii und Fußnote 4 des Dokuments im pdf-Format). – Auch der Registerband der 1. Ausgabe des MGG verzeichnet unter dem Namen „Graf, Herbert“ zwei verschiedene Personen, so dass selbst an dieser Stelle eine Unterscheidung und Trennung notwendig wäre; vgl. MGG 17 (1986, Register) S. 285, Sp. [2]. – Im „Ergänzungsband“, Personenteil A–K des Riemann Musiklexikon, der von Carl Dahlhaus herausgegeben wurde (Mainz: Schott, 1972), liest man im Artikel über den Wiener Opernregisseur Graf (sein Geburtsdatum ist mit „10. 4. 1903“ angegeben) auf S. 450: „Neben einigen kleineren Beiträgen, vor allem in der von ihm 1947–59 herausgegebenen Zeitschrift Musikblätter, veröffentlichte er [Herbert Graf] [etc.].“ Anzunehmen ist freilich, dass sich eine Anstellung als Opernregisseur in den USA nur schlecht verträgt mit einer gleichzeitigen und über Jahre hinweg ausgeübten Herausgabe einer in wesentlichen Punkten auf die Musik Berlins bezogenen Zeitschrift. Anzumerken ist vielleicht noch, dass Max Graf (1873–1958), also der Vater des Opernregisseurs, ein Musikschriftsteller und Dozent, aber kaum ein „erfolgreicher Verleger“ („successful publisher“) war, wie Ole Hass an derselben Stelle schreibt, man vergleiche etwa den Artikel von Helmut A. Flechtner in MGG 5 (1956), Sp. 671–672; Ergänzung in MGG 16 (1976), Sp. 520.

[128] Vgl. Heinz Tiessen, Eduard Erdmann in seiner Zeit, in: Christof Bitter und Manfred Schlösser [Sammlung und Herausgabe], Begegnungen mit Eduard Erdmann, Darmstadt: Agora, 1972 [Reprint der Ausgabe Darmstadt 1968], S. 25–69, S. 39. Vgl. auch die durch Fußnote [121] belegten Aussagen von Heinz Tiessen. Da Tiessen in seinem Aufsatz ausführlich auf den Tod Erdmanns (21. Juni 1958) eingeht, müsste sein undatierter Text in den Jahren zwischen 1958 und der Publikation eines Sonderdrucks seines Aufsatzes im Jahre 1967 verfasst sein; vgl. Für Heinz Tiessen (wie [121]), S. 329, Nr. 10.

Tiessens Ausdruck „der Schwergeprüfte“ dürfte sich vor allem auf die Ereignisse während des Nationalsozialismus beziehen, die sich aufgrund der jüdischen Herkunft eines Teils seiner Familie ereigneten und die besonders durch die Informationen aus der „Alten Synagoge“ in Essen zum Teil ausführlicher benannt werden. Neben der Deportation seiner Schwester Auguste Johanna Peine, geb. Graf, die gleich ihrem Mann, dem Hamburger Kaufmann Adolf Peine, 1942 im Vernichtungslager Treblinka (nach veraltetem Forschungsstand: in Minsk) ihr Leben verlor, kamen hinzu der frühe Tod des Bruders Lothar im Jahre 1911, der Tod des Vaters 1921, der Unfalltod der hochbetagten Mutter 1940 oder der Umstand, dass Graf eine „musikalische Musterbibliothek wertvoller Operndrucke“ gestiftet hatte, die im Krieg (vermutlich in Essen) aber völlig vernichtet wurde. Letzteres geht aus einem Brief hervor, den Herbert Graf an den Folkwangdirektor Prof. Anton Hardörfer 1954 geschrieben hatte. Zu Hardörfer vgl. Fußnote [149]. Grafs Brief vom 28. Dezember 1954 sowie Hardörfers briefliche Antwort vom 7. Januar 1955 wurden mir freundlicherweise von Jutta Vonrüden-Ferner, „Haus der Geschichte“/ Stadtarchiv Essen, im Januar 2011 als Fotokopie überlassen.

Ebenso geht die Angemessenheit von Tiessens Ausdrucks „der Schwergeprüfte“ aber aus einem handschriftlichen Anhang Herbert Grafs über die Herkunft eines vor der Mitte der 19. Jahrhunderts gedruckten jüdischen Gebetbuches in Familienbesitz hervor, in dem es heißt („Berlin-Charlottenburg, 15. August 1943“): „Meine geliebte gute Mutter übergab mir dieses Gebetbuch einige Jahre vor ihrem am 2. Februar 1940 erfolgten Tode. Wie ich ihr Andenken hoch in Ehren halte, so halte ich dieses Buch, wie sie es wünschte, stets in Ehren als letztes ihrer überlebenden Kinder. In diesen schrecklichen Tagen, wo Tod und Verderben mich oftmals bedrohten, soll es mir als Talisman Schutz gewähren, so wie der Segen meiner lieben Mutter, die in den Gebeten dieses Buches Stärkung fand, mir oft Schutz gab.“ (Freundliche Überlassung eines Scans von Frau Dr. Christine Ligner, Birkenwerder, aus dem Nachlass ihres Großvaters im August 2013.)

[129] Diese Zeitschrift, die sich anfangs im Untertitel Eine Halbmonatsschrift für alle Gebiete der Musik“ nannte und von 1947 bis 1959 nachweisbar ist, ist die Nachfolgerin des Berliner Musik-Berichts. Vorschau, Kritik (nur 1947 erschienen) und wurde zunächst von Herbert Graf und Walther Harth herausgegeben. Der Berliner Musik-Bericht erschien aber nach Gründung der Musikblätter innerhalb dieser neuen Zeitschrift in ihrem Anhang. Zu Walther Harth (1916–2005) vgl. den Artikel Harth, Walther, in: Riemann Musiklexikon, Ergänzungsband, Personenteil A–K, hg. von Carl Dahlhaus, Mainz: Schott, 1972, S. 493. Diesem Artikel zufolge war Harth Gründer und Mitherausgeber der Musikblätter; während in Kürschners Biographischem Theater-Handbuch (wie Fußnote [131]) Herbert Graf als Gründer, Herausgeber und Chefredakteur genannt wird. Verschiedene Artikel von Herbert Graf bzw. Walther Harth sind in den drei von Wolfgang Schmieder herausgegebenen Ausgaben der Bibliographie des Musikschrifttums (1950–1955), Frankfurt am Main: Hofmeister, 1954, 1956 und 1957 erfasst (online über das Internet Archive). Der Tod von Graf im Jahre 1959 scheint zugleich das Ende der Musikblätter bedeutet zu haben.

Im ersten Jahrgang der Musikblätter (1947) ließ sich anhand von Inseraten und Bestellformularen sehen, dass diese Zeitschrift im Capriccio-Musikverlag in Berlin (Berlin N 20, Stettiner Strasse 20) erschien, in dem bis „um 1950“ hauptsächlich Unterhaltungsmusik, aber auch die zwei Musik-Periodika vier Viertel. Zeitschrift für Musik und Tanz sowie Das Notenpult. Fachblatt für den Berufsmusiker verlegt wurden.

[130] Vgl. den Artikel Graf, Herbert in: Kürschners Deutscher Musiker-Kalender 1954, hg. von Hedwig und E[rich] H[ermann] Müller von Asow, Berlin: Walter de Gruyter, 1954, Sp. 385.

[131] Vgl. den Artikel Graf, Herbert August, in: Kürschners Biographisches Theater-Handbuch, hg. von Dr. Herbert A[lfred] Frenzel und Prof. Dr. Hans Joachim Moser, Berlin: Walter de Gruyter & Co., 1956, S. 222, linke Spalte. Graf wird hier als „Herausgeber“ von Melos in den Jahren 1920–1926 bezeichnet, was mir nicht ganz richtig erscheint, da Graf Melos zwar finanziell unterstützte, in der Zeitschrift selbst aber stets andere Herausgeber oder Schriftleiter wie Scherchen, Windisch und Mersmann genannt wurden. Diese Quelle freilich als einzige zu benutzen, aus welcher die Tätigkeit für „Melos“ hervorging, war mir indes nicht sicher genug, da wiederum ein Irrtum stattgefunden haben könnte; denn weder Frenzel noch Moser, deren nationalsozialistische Vergangenheit bekannt ist, sind als besondere Liebhaber moderner Musik hervorgetreten. Es müsste sich hier aber um denselben Herbert Graf handeln, der bereits 1949 in folgendem Buch genannt ist: Jahrbuch der Musikwelt, hg. von Herbert Barth, wissenschaftliche Redaktion Dr. Richard Schaal, 1. Jg. (1949/50) [mehr nicht ersch.], Bayreuth: Verlag Julius Steeger, Copyright 1949, S. 595, rechte Spalte. Die Adresse lautet hier (wie auch später in den zwei Kürschner-Werken): Kaiserdamm 18 in Berlin-Charlottenburg, und der Eintrag erscheint in der Rubrik Musikwissenschaftler, -schriftsteller, -kritiker. Zur Adresse Kaiserdamm 18 in der Todesanzeige von Graf vgl. auch den zweiten Absatz von Fußnote [134]. – Über Grafs Beziehung zur Musik siehe auch Pringsheim in Fußnote [143], Ende des ersten Absatzes. Mit den Jahren 1919–1920 als Fortsetzung seines Musikstudiums, könnte der Unterricht gemeint sein, nach welchem Graf bei Tiessen anfragte (vgl. das in Fußnote [128] belegte Zitat Tiessens). Man lese jedoch auch die Namen von Personen der Musik, denen Graf persönlich verbunden war und die er in einem Brief vom 28. Dezember 1954 benannte (vgl. im Haupttext hier).

[132] Vgl. die folgende Fußnote [134], zweiter Absatz. – Das Stadtarchiv in Essen (vgl. Fußnote [148]) teilte mir im Januar 2011 mit, dass Herbert Grafs Ableben im Berlin-Charlottenburger Standesamt unter der Nr. 3250 erfasst wurde.

[133] Vgl. Liste der Lehrenden des Städtischen Konservatoriums (1945–1966) als pdf-Datei (Redaktion: Malte Vogt, Stand: 4. Mai 2010), hier S. 12.

[134] Zum Briefwechsel von Tiessen und Graf, der sich im „Tiessen-Archiv“ an der „Akademie der Künste“ in Berlin befindet, vgl. das Findbuch zum Tiessen-Archiv (Teil 3.1.: Korrespondenz Personen, Laufende Nr. 735). Die Briefe (die ich nicht las) umfassen 50 Blatt in Durchschlägen und Originalen, verteilt über mehrere Ordner.

Bei beiden Todesanzeigen handelt es sich um gedruckte private Mitteilungen, nicht um Zeitungs-Veröffentlichungen. Für Herbert Graf ist hier als Todesdatum der 24. Oktober 1959 in Berlin angegeben, oberhalb seines Namens steht als Berufsbezeichnung „Musikschriftsteller“. Seine Berlin-Charlottenburger Adresse lautete (wie in der folgenden Todesanzeige seiner Frau): „Kaiserdamm 18“. Grafs Frau Elisabeth Graf, geborene Kratzner, verstarb am 3. Dezember 1967 im Alter von 72 Jahren; ihr genauer Geburtstag ist nicht angegeben, doch müsste, dem genannten Alter zufolge, ihr Geburtsjahr 1894 oder 1895 gewesen sein. (Von Frau Dr. Ligner erfuhr ich, dass der Geburtsort von Elisabeth Kratzner Greifswald gewesen sei.) Für die Übersendung von Kopien der zwei Todesanzeigen aus dem Nachlass von Heinz Tiessen ist Dr. Heribert Henrich, Berlin, Musikarchiv der „Akademie der Künste“, vielmals zu danken (Dez. 2010).

Eine weitere Quelle zu Herbert Graf an der Berliner „Akademie der Künste“ dürfte in dem Konvolut „Deutsche Künstlerhilfe“, 1943–1971 (Heinz-Tiessen-Archiv) vorliegen: laufende Nr. 2097; Korrespondenz, Anträge und Unterstützungslisten.

Am Landesarchiv Berlin befinden sich noch folgende Quellen zu „Herbert Graf – Musikverleger“: Laufende Nr. 671, 672 und 673 (Signatur: B. Rep. 095-02, Finanzamt Charlottenburg-West, Findbuch: 1947–1950, 1949 und 1952–1954 [Letzteres gesperrt bis 2014, Schutzfristverkürzungsantrag]). – Auch über Heinz Tiessen sind im Landesarchiv Berlin verschiedene Unterlagen, die zum Teil neben einer Partitur auch Orchestermaterial enthalten (laufende Nr. 819 N, 1277 N sowie Fotosammlung Nummer 0026663 und 0026664). – Dank für die Zusammenstellung der Dokumente gebührt Frau Bianca Welzing-Bräutigam vom Landesarchiv Berlin.

[134a] Vgl. Konzertsäle Berlins mit dem Programm der Berliner Theater (11. November 1947 – 20. November 1947), Berlin, S. 8.

[135] Der Ausdruck „musikbeflissen“ scheint mir nicht sehr gut gewählt, denn er hat einen durch den Nationalsozialismus geprägten negativen Charakter erfahren, welcher der Herabsetzung nichtarischer Musiker diente und sich im Titel des folgenden Lexikons spiegelte: Hans Brückner und C[hrista] M[aria] Rock (Begründer), Judentum und Musik mit dem ABC jüdischer und nichtarischer Musikbeflissener, 3. Auflage, bearbeitet u. erweitert von Hans Brückner, München: Hans-Brückner Verlag, 1938. Dass Tiessen, der selbst zu den Benachteiligten und Unterdrückten des nationalsozialistischen Regimes gehörte, solche Anschauungen keineswegs teilte, ist unter anderem in seinen Worten über Herbert Graf im zweiten Absatz des durch Fußnote [128] belegten Zitats erkennbar. – Grafs Tätigkeit als Beamter einer Bank seit spätestens 1916 ist in Fußnote [145] angesprochen.

[136] Siehe hierzu den Artikel „Mischehe (Nationalsozialismus)“ der Wikipedia. – Grafs jüdische Abkunft ließ sich durch die Informationen der „Alten Synagoge“ Essen bestätigen und präzisieren, die hier zitiert sind.

[137] Herbert Graf, Beethovens ,Fidelio‘, in: Kulturbund Deutscher Juden. Monatsblätter, 2. Jg., Nr. 10, Berlin: Berthold Levy Verlag, Oktober 1934, S. 3–5 (Online-Ausgabe) sowie derselbe, Musikalische Gedenktage, in: Jüdischer Kulturbund Berlin. Monatsblätter, 3. Jg., Nr. 11, Berlin: Verlag Schmoller & Gordon, November 1935, S. 1–3 (Online-Ausgabe).

[138] Vgl. unter der Überschrift Aus deutsch-jüdischer Kulturbewegung den redaktionellen Hinweis auf den ersten, in sich abgeschlossenen Teil von Herbert Grafs Buch Das Repertoire aller öffentlichen Opern- und Singspielbühnen in Berlin von 1771 bis zur Gegenwart (16 Zeilen)], in: Kulturbund Deutscher Juden. Monatsblätter, 1. Jg., Heft 1, Berlin: Berthold Levy Verlag, Oktober 1933, S. 13; Subskriptionen wurden an die Adresse des Verfassers erbeten (Berlin-Schöneberg, Meraner Str. 9). Online-Ausgabe. – Ferner: Herbert Graf (20 Zeilen), redaktionelle Mitteilung in der Rubrik Aus deutsch-jüdischer Kulturbewegung, in: Kulturbund Deutscher Juden. Monatsblätter, 2. Jg., Nr. 12, Berlin: Berthold Levy Verlag, Dezember 1934, S. 11 mit Hinweis auf den neuen Band von Grafs Publikationsreihe über das Berliner Opernrepertoire; Subskriptionen werden an die (neue) Adresse von Herbert Graf erbeten (Charlottenburg, Kaiserdamm 115); Graf wird hier eingangs als „Theater- und Opernhistoriker“ bezeichnet (Online-Ausgabe). Die Adressen Herbert Grafs ließen sich beide belegen, und zwar durch das Berliner Adreßbuch 1934 („Schriftsteller“, Schöneberg, Meraner Str. 9 in Teil I, S. 734, Sp. [3], fünfzehnter Eintrag von oben) bzw. das Berliner Adreßbuch 1935 („Schriftsteller“, Charlottenburg , Kaiserdamm 115, Teil I, Seite 758, Sp. [2], fünfzehnter Eintrag von oben). Im Berliner Adreßbuch 1936 ist zwar nochmals ein Eintrag (Teil I, S. 780, Spalte [1]), welcher dem aus dem Vorjahr gleicht, doch in der Folge wird die Zusammengehörigkeit von Person und Adresse undeutlich. Auffällig ist diese Adresse „Kaiserdamm 115“ insofern, als Graf nach dem Krieg bis zu seinem Tod unter der Adresse „Kaiserdamm 18“ wohnte (vgl. Fußnote [131]).

Nachträglich fand ich einen Hinweis auf Herbert Graf in der folgenden Zeitschrift: Melos, hg. von Heinrich Strobel, 12. Jg., Heft 12, Mainz, Dezember 1933, S. 431, rechte Spalte, mit Bezug auf Grafs ersten Band seines „demnächst“ erscheinenden Buches im Berliner Afa-Verlag mit der Bitte um Subskription bzw. Vorbestellung.

Das Buch sei bibliografisch zitiert: Das Repertoire der öffentlichen Opern- und Singspielbühnen in Berlin seit dem Jahre 1771. Kochische Gesellschaft deutscher Schauspieler (1771–1775) und Döbbelinsches Theater in der Behrenstraße (1775–1786), hg. von Herbert Graf, Berlin W 9: AFA-Verlag Hans Dünnebeil, 1934, Umfang: 47 Seiten; im Anhang: In Vorbereitung Teil II: Das Königstädtische Theater (1824–1851). Nach dem Exemplar in Besitz von ChL. – Der angekündigte Teil II des Werkes konnte offenbar nicht erscheinen, denn er ließ sich bibliografisch nicht nachweisen, was auch nicht gelang durch eine Überprüfung von Hofmeisters Monatsberichten (bis zum Jahr 1936), in denen der erste Teil der Veröffentlichung aufgeführt wurde (vgl. „18. Bücher und Schriften“ in: Hofmeisters Musikalisch-literarischer Monatsbericht, 106. Jg., Nr. 4, Leipzig: Friedrich Hofmeister, April 1934, S. 80, rechte Spalte).

Eine Renzension des Buches verfasste Wilhelm Altmann in: Zeitschrift für Musik. Monatsschrift für eine geistige Erneuerung der deutschen Musik, 101. Jg., Heft 6, hg. von Gustav Bosse, Berlin-Köln-Leipzig-Regensburg-Wien, Juni 1934, S. 655 bis 656. Altmann sagt hier unter anderem (nicht ganz korrekt): „Der Verfasser, der 1919 in Berlin die Gesellschaft Melos zur Förderung moderner Musik gegründet und ihr 1920 in der ebenso genannten, noch heute bestehenden Zeitschrift ein eigenes Organ geschaffen und diesen Unternehmungen ein großes Kapital geopfert hat, arbeitet seit Jahren an einem mit dem Jahr 1594 einsetzenden internationalen Opernlexikon […]. Da kaum Aussicht besteht, daß sein höchst umfangreiches Lexikon gedruckt wird, hat er sich zu Teilausgaben entschlossen und mit obigem Werke begonnen.“ Das Buch war unter Neuerscheinungen zwei Monate vor der Rezension aufgenommen; vgl. Nr. 4, das April-Heft der Zeitschrift für Musik (siehe oben), 1934, S. 420.

Eine Arbeit Grafs, die mir nicht vorlag, die durch Titel sowie durch bibliografische Angabe von Zeitpunkt und Ort der Entstehung aber zu ihm passen würde, ist die Schrift Verzeichnis von Opern, Singspielen, Ballets, Burlesken und Parodien, zu denen Schauspiele und Balladen Friedrich von Schillers den Stoff oder die Anregung gegeben haben oder die von ihnen beeinflußt worden sind, Umfang: 8 Seiten, Typoskript, [(Berlin-)Charlottenburg], [1935], vorhanden in Weimar, Herzogin Anna Amalia Bibliothek <32>, Signatur: 4145, Standort: MAG, vgl. Zitier-Link hier.

Etwas mehr über das genannte Opernhandbuch Grafs besagt unter Umständen die Auswertung eines „Teilnachlasses“ von Herbert Graf, der an folgendem Ort deponiert wurde: Bibliothek des „Staatlichen Instituts für Musikforschung, Preußischer Kulturbesitz“ (Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung, Arbeitsstelle Kalliope-Verbund, Potsdamer Straße 33, 10785 Berlin), Signatur: SM 36, 1,2 lfm [laufende Meter (Umfang)], in der Datenbank des „Kalliope-Verbund“ angezeigt unter http://kalliope-verbund.info/de/ead?ead.id= DE - 611-BF-19505. Dieser Teilnachlass, der von mir bisher nicht eingesehen und ausgewertet werden konnte, wird auf der angezeigten Webseite folgendermaßen beschrieben: „enthält Arbeitsmaterialien zu einem projektierten "Handbuch der Oper" (v[or] a[llem] Übersichtslisten zu Opernkomponisten und ihren Werken; wenig Korrespondenz)“. Ob diese Materialien sich möglicherweise auch auf den veröffentlichten 1. Band oder nur auf den unveröffentlichten 2. Band des Opernhandbuches von Herbert Graf beziehen, weiß ich ebenso wenig zu sagen, wie ich die Personen oder Einrichtungen zu nennen vermag, an welche die wenige erhaltene Korrespondenz gerichtet ist. Hier liegt aber sicherlich keine Namens-Verwechslung vor, da die Lebenszeit Herbert Grafs korrekt erfasst ist.

Hans Dünnebeils Musikalienhandlung war in der ersten Ausgabe von Herbert Grafs Musikblättern (1. Novemberheft 1947) auf der rechten Spalte der inneren hinteren Umschlagseite inseriert, und Dünnebeil hatte sich 1952 zum 70. Geburtstag von Herbert Graf auch in dessen Gästebuch auf Seite Nr. 20 eingetragen (hier Weiteres zu Dünnebeil). Vgl. zu dem Gästebuch den letzten Satz in Anm. [98], besonders hier.

Dass das Buch Das Repertoire [etc.] freilich in der online-Enzyklopädie Wikipedia unter dem österreichischen Opernregisseur Herbert Graf in der Rubrik „(Literarische) Hauptwerke“ verzeichnet ist, zeigt, wie verführerisch die Verwechselbarkeit aufgrund allein von Namen ist. Mit dieser irrigen Zuschreibung stimmt überein, dass in dem Artikel über „Philipp Jarnach“ ein Link auf den falschen „Herbert Graf“ als Veranstalter der „Meloskonzerte“ in der Wikipedia besteht (beides gesehen am 17. Juli 2013).

[139] Das Stadtarchiv in Essen teilte mir im Januar 2011 mit, dass Siegfried Graf von 1872 bis 1920 Lehrer an der israelitischen Volksschule in Essen war (vgl. Fußnote [148]). Zum Rektorat vgl. hier die Informationen aus der „Alten Synagoge“ in Essen.

Zum Grabmal von Siegfried Graf vgl. den Aufsatz von Nathanja Hüttenmeister, Erforschenswert. Der jüdische Friedhof in Essen-Segeroth, in: Kalonymos. Beiträge zur deutsch-jüdischen Geschichte aus dem Salomon Ludwig Steinheim-Institut an der Universität Duisburg-Essen, 51. Jg, Heft 2, Redaktion: Michael Brocke, Harald Lordick, Beata Mache, Annette Sommer, Essen, 2012, S. (13)–14; hier auf S. 14 zu Siegfried Graf mit einem Foto des erhaltenen Grabmals („Ehrengrabmal von Siegfried Graf“). Hüttenmeister schreibt, dass auf dem Grabstein, der gleich hinter dem Friedhofseingang zu sehen sei, die „schwungvolle[n] kursive[n] Metallbuchstaben vermutlich nach der NS-Zeit ersetzt wurden.“ Die deutsche Inschrift besagt: „Ihrem hochverdienten Kantor | Rektor Siegfried Graf | geb. 20. 3. 1847, gest. 19. 2. 1921 | für mehr als ein Halbjahrhundert | treu geleisteten Dienst. | Die dankbare Gemeinde.“ (Online)

[140] Vgl. den Artikel im Lexikon der Juden in der Musik, bearbeitet von Theophil Stengel und Herbert Gerigk (vollständiger Faksimile-Nachdruck der Ausgabe Berlin: Bernhard Hahnefeld Verlag, 1940 in: Eva Weissweiler, Ausgemerzt! Das Lexikon der Juden in der Musik und seine mörderischen Folgen, Köln: Dittrich-Verlag, 1999, S. 182–375), hier S. 232, Sp. 94: „Graf, Siegfried, * Deutsch - Krone (Westpr. ) März 1847, † Essen 19. 2. 1921, Kant[or].“ Die Stadt Deutsch-Krone liegt heute in Polen und trägt den Namen Wałcz (Landkreis Deutsch Krone). Weiterhin die Informationen der „Alten Synagoge“ Essen, die durch Fußnote [147] belegt sind.

[141] Vgl. dazu die Angaben in dem Artikel über Graf in dem Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit. Zur Zuschreibung der „Musikblätter“ an den Wiener Opernregisseur, deren Quelle vermutlich der Ergänzungsband des Riemann Musiklexikon (1972) ist, vgl. die zweite Hälfte von Fußnote [127].

[142] Vgl. Philipp Jarnach, Das Beispiel Busonis, in: Josef Müller-Marein und Hannes Reinhardt, Das musikalische Selbstportrait von Komponisten, Dirigenten, Instrumentalisten, Sängerinnen und Sängern unserer Zeit, Hamburg: Nannen-Verlag, © 1963, S. 255–264; hier das Zitat auf S. 262. – Das Zitat ist noch etwas ausführlicher auch online verfügbar; vgl. Giselher Schubert, Von Freund- und Feindschaften. Hindemiths frühe musikalische Kontakte, in: Dominik Sackmann (Hg.), Hindemith und die zwanziger Jahre, Bern: Peter Lang AG, Internationaler Verlag der Wissenschaften, 2007, Reihe: Zürcher Musikstudien, Bd. 6, S. (143) ff., hier S. 161.

Die Datierung dieses „Melos-Konzerts“ ist aufgrund des Briefwechsel zwischen Windisch und Schönberg möglich, und es dürfte sich um ein Konzert im Jahre 1923 handeln, das Arnold Schönberg in seinem Brief an Windisch vom 30. Juli 1923 angesprochen hatte und in dem er auf der ersten Seite unter Ziffer 3 schrieb: „Ich bin sowohl mit Havemann, als auch mit Hindemith sehr einverstanden, da ich über beide bestes [sic] gehört habe.“ (Vgl. Fußnote [108].) Mit diesen Worten müsste Schönberg auf Windischs Brief vom 27. Juli geantwortet haben, in dem die Frage stand: „Wer ist  Ihnen für die beiden Streichquartette lieber, Havemann oder Hindemith-„Amar?“ Schönberg geht in seinem Antwortschreiben vom 30. Juli 1923 auch auf Arnold Josef Rosé (1864–1946) ein, dessen Quartett Windisch als Alternative vorgeschlagen hatte. Das Konzert hatte Windisch in einem Brief an Schönberg vom 25. Juli 1923 im Rahmen einer Schönberg gewidmeten zwölfteiligen Konzertreihe in Berlin eingeplant, die vom 2. bis 13. Oktober 1923 dauern sollte.

[143] Vgl. Berliner Adreßbuch 1924, Teil I, S. 883, Sp. [2]. – Man wird hier an die Wendungen vom „Bank-Graf“ und besonders vom „Bank-Prokurist“ erinnert, die Kantorowicz in der Weltbühne 1924 für den „Melos“-Förderer Herbert Graf gebrauchte (beide Ausdrücke im ersten Absatz von S. 282, vgl. den oben genannten Aufsatz). Dem Aufsatz von Klaus Pringsheim Weder Werk noch Raub ist zugleich zu entnehmen, dass Herbert Graf „in jungen Jahren Musiker werden wollte“ (S. 317, siehe oben).

Ein Eintrag Herbert Grafs in der historischen Einwohnermeldekartei von Berlin, die von 1875 bis 1960 reicht und nur sehr lückenhaft im Landesarchiv Berlin als Bestand B Rep. 021 überliefert ist, ist nicht erhalten (Auskunft von Axel Schröder, Landesarchiv Berlin, der meinen Fragen dankenswerterweise nachging und mir am 9. Dezember 2010 eine schriftliche Nachricht zukommen ließ.)

[144] Vgl. die Bezeichnung von Herbert Graf als „Prokurist der Deutschen Bank“ im Berliner Adreßbuch 1921, Teil 1, S. 878, Sp. [2], wobei er hier unter „Württembergallee 9“ in Charlottenburg eingetragen ist.

Im Dezember 2010 bat ich wegen Herbert Graf das „Historische Institut“ der „Deutschen Bank AG“, Frankfurt am Main, um Auskunft, dessen Leiter, Dr. Martin-L. Müller mir Folgendes mitteilte: Ein Herbert Graf als Prokurist der Deutschen Bank war zwar in den 1920er Jahren bei der Deutschen Bank in Berlin tätig, doch ließ sich dies nur für die Zeit von 1921 bis 1924 belegen; vgl. den Nachtrag zum Deutschen Bankier-Buch, 12. Auflage, Berlin 1924, S. 51 (das genaue Erscheinungsdatum der Bankier-Bücher lässt sich nicht genau bestimmen); der Zeitpunkt 1921 ist durch das Berliner Adreßbuch 1921 bekannt, während 1920 Graf noch nicht im Bankier-Buch eingetragen ist. Ferner liegt ein Telefonbuch der Deutschen Bank Berlin von Ende März 1926 vor, in dem Herbert Graf nicht erscheint. Belegbar ist damit seine Beschäftigung als Prokurist der Deutschen Bank nur im Zeitraum von 1921 bis 1924. 1920 war er offensichtlich noch nicht deren Prokurist, da er im Bankier-Buch von 1920 noch nicht auftaucht, und im März 1926 war er es sicher nicht mehr, da er nicht im Telefonverzeichnis steht. Infolge dieser kurzen Beschäftigung ist vermutlich auch keine Personalakte erhalten, denn Pensionsansprüche entstanden erst nach Ablauf von zehn Jahren, und im Falle Grafs wurde die Akte wahrscheinlich wenige Jahre nach seinem Ausscheiden aus den Diensten der Deutschen Bank vernichtet. (Vielmals zu danken ist Herrn Dr. Martin-L. Müller für seine Recherchen.)

Mit vorstehenden Informationen stimmt überein, dass 1926 Herbert Graf als Eigentümer des Hauses in Dahlem, Hechtgraben 6-8 im Berliner Adreßbuch (Teil IV, Seite 1466, Spalte [3]) letztmalig eingetragen war und 1927 an seiner Stelle der Fabrikdirektor a. D. K[arl] Schwenkow genannt wurde (Teil IV, S. 1477, Spalte [6]). – Schwenkow ist bis 1934 in dem Berliner Adreßbuch unter der Adresse in Dahlem (Hechtgraben 6–8) verzeichnet. Danach ist ab der Ausgabe 1935 des Adressbuchs Dr. Richard Weidlich (Rechtsanwalt), ab 1940 bis zur letzten Online-Ausgabe von 1943 Ivo Götte (Stimmbildner) genannt, wobei im letzten Fall als Eigentümer „Frau I[vo] Götte“ eingetragen ist (siehe Berliner Adreßbuch 1940, Teil IV, S. 1418, Sp. [2]). – Der Name „Hechtgraben“ geht auf den Ministerialdirigenten im Preußischen Landwirtschaftsministerium Carl Ernst Hecht (1864–1927) zurück; die Straße wurde „zwischen 1911 und 1913“ angelegt und hieß zuvor nur „Straße 17 b“. Die Umbenennung zu „Hechtgraben“ fand am 24.10.1922 statt (siehe Kauperts Straßenverzeichnis Berlin, integriert in das Verzeichnis der von der „Zentral- und Landesbibliothek Berlin“ ins Internet gestellten Berliner Adressbücher).

[145] In den Jahrgängen 1916 bis 1920 des Berliner Adreßbuchs erscheint jeweils in Teil I ein H. oder Herbert Graf; als Beruf ist stets lediglich „Bankbeamter“ angegeben, so dass die Tätigkeit Grafs in einer Bank sich für einen Zeitraum von etwa zehn Jahren belegen lässt.

[145a] Gisela Miller-Kipp, Zwischen Kaiserbild und Palästinakarte. Die Jüdische Volksschule im Regierungsbezirk Düsseldorf (1815–1945). Archive, Dokumente und Geschichte, Köln, Weimar, Wien: Böhlau Verlag GmbH & Cie., Copyright 2010; zu Siegfried Graf vgl. S. 122 et passim (Online-Teilausgabe bei Google Books).

[146] Über Grafs Schwester Auguste Johanna Peine gibt es einen Eintrag im Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945 (Suche inzwischen im Internet möglich), der lautet: „Peine, Auguste Johanna | geb. Graf | * 23. April 1884 in Essen | wohnhaft in Hamburg | Deportation: | ab Hamburg – Kiel | 19. Juli 1942, Theresienstadt, Ghetto | 21. September 1942, Treblinka, Vernichtungslager“.  –  Durch die „Stolpersteine Hamburg“ sind über den ebenfalls deportierten und ermordeten Kaufmann Adolf Peine (1884–1942) und seine Ehe mit Herbert Grafs Schwester, Auguste Johanna Peine (geb. Graf), weitere Einzelheiten bekannt, darunter ergänzende Mitteilungen über Herbert Grafs Mutter; vgl. den Artikel von Björn Eggert auf einer Webseite der „Stolpersteine“ (hier). Aus der Sucheinrichtung der „Stolpersteine Hamburg“ geht ergänzend zu den Angaben des oben zitierten Gedenkbuchs hervor, dass Grafs Schwester sowie ihr Ehemann 1942 nach Minsk weiterdeportiert wurden, wobei aber Eggert anmerkt: „Das auf den Stolpersteinen genannte Deportationsziel Minsk entspricht einem veralteten Forschungsstand.“ Da weitere Spuren sich offenbar verloren, wurde für beide Eheleute das Todesdatum „8. Mai 1945“ (Kriegsende) gerichtlich festgesetzt; vgl. hier.

[146a] Frau Dr. Ligner (siehe oben) teilte mir dagegen unter Berufung auf das „Familienstammbuch“ in einer E-Mail am 4. Juli 2013 mit, dass ihr Großvater Herbert August Graf (Glaubenszugehörigkeit: mosaisch [jüdisch]) nur eine einzige Tochter bzw. ein einziges Kind hatte, welches Brigitte Graf (* 1921) hieß. Brigitte Grafs Mutter war evangelisch und hatte ihre Tochter in diesem Glauben auch erzogen.

[147] Zu danken habe ich vielmals Martina Strehlen, M.A. („Alte Synagoge“, Essen, Archiv) für die Ermittlung und Mitteilung der hier wiedergegebenen Informationen im Dezember 2010. – Mit dem Brief an die Essener Stadtverwaltung ist Herbert Grafs Eintragung in ein jüdisches Gebetbuch von 1943 zu vergleichen, der im letzten Absatz von Anm. [128] zitiert wird.

[148] Gedankt sei hier Frau Jutta Vonrüden-Ferner, Haus der Essener Geschichte (Stadtarchiv Essen), auf welche die im Folgenden wiedergegebenen Informationen zurückgehen; andere Informationen aus dem Stadtarchiv Essen sind im Fußnotenteil belegt.

[149] Anton Hardörfer, geb. 12. Juni 1890 in Fürth (bei Nürnberg), gest. am 21. Juni 1971 in Essen-Bredeney; vgl. Kürschners Deutscher Musiker-Kalender 1954 (wie Fußnote [130]), Spalte 441 und das Riemann Musiklexikon, Personenteil, (Mainz: Schott, 1959), S. 734 sowie den Ergänzungsband (Mainz: Schott, 1972), S. 490. – Zwar war Hardörfer auch als Erster Vorsitzender der Essener „Ludwig - Weber - Gesellschaft“ tätig, doch da ihm, wie er selbst in seinem Brief vom 7. Januar 1955 an Herbert Graf sagt, bisher unbekannt war, dass Graf aus Essen stammte, ist es unwahrscheinlich dass er Anfang der zwanziger Jahre über Graf zwischen Weber und Windisch vermittelte; vgl. den Abschnitt Die Widmung von Ludwig Weber.

[150] Nach dieser Angabe lassen sich etwa die Jahre 1905 bis etwa 1910 errechnen, als Graf nach Berlin kam.

[151] Musikdirektor und Komponisten Prof. Georg Hendrik (Heinrich) Witte (1843–1929); vgl. den Artikel Witte, Georg Hendrik in: Hugo Riemanns Musiklexikon, 11. Auflage Berlin 1929, Bd. I (wie Fußnote [1]), Seite 2040 sowie einen Artikel Witte, Georg Heinr., in: Kurzgefaßtes Tonkünstler-Lexikon von Paul Frank und Wilhelm Altmann, 14. Aufl. von 1936 (wie Fußnote [2]), S. 694, r. Sp.

[152] Der Gesangslehrer und Akustiker Prof. Ludwig Riemann (1863–1927); vgl. den Artikel Riemann, Ludwig in: Hugo Riemanns Musiklexikon, 11. Aufl., bearb. von Alfred Einstein, Berlin 1929, Bd. I (wie Fußnote [1]), Spalte 1517. Der Artikel hebt „mehrere vortreffliche Schriften über akustische Fragen“ Ludwig Riemanns hervor. Vgl. auch Fanzpeter Goebels, Artikel Riemann, Ludwig, in: MGG 11 (1963), Spalte 485–486. Da Ludwig Riemann, laut Goebels’ Artikel, seit 1889 am „Burggymnasium“ in Essen als Musiklehrer tätig war, war Herbert Graf dort möglicherweise sein Schüler geworden. Ludwig Riemann war seit 1918 Professor.

[153] Eugen Sulz (1884 oder 1894–1965). „1884“ lautet das Geburtsjahr bei Georg Fischer, Bibliothekare als Erwachsenenbildner – historischer Abriss mit Aktualisierungen (ehemals Webseite); dasselbe Jahr findet sich in dem Artikel Sulz, Eugen, in: Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft. Das Handbuch der Persönlichkeiten in Wort und Bild, Hauptschriftleitung: Dr. Robert Volz, Zweiter Band (L–Z), Berlin: Deutscher Wirtschaftsverlag, Copyright 1931, S. 1881. Das Jahr „1894“ ist zu lesen in dem Aufsatz von Gerd Hergen Lübben, Auf schmalem Grat. Für ein Lernen und Wachsen aus dem Geist der Wahrheit, der Kunst und der Menschlichkeit. Annäherungen an den Pädagogen Artur Jacobs, Manuskript, Bonn © 2007, S. 8 (download pdf-Ausgabe hier) sowie eine Webseite des Essener Stadtarchivs (hier), in welchem sich ein Teil-Nachlass von Sulz befindet.

Unklar ist, warum Herbert Graf hier im Jahre 1954 von Eugen Sulz als dem „ebenfalls verstorbenen Stadtbibliotheksdirektor“ spricht, da Sulz den Quellen nach übereinstimmend erst 1965 verstarb. Dementsprechend berichtigte Hardörfer ihn in seinem Antwortschreiben (7. Januar 1955, S. [1], unten): „Stadtbibliotheksdirektor Dr. Sulz ist nicht verstorben, er lebt in Pension in Essen.“ (Kursives im masch. Original gesperrt.)

[154] Vgl. den in Fußnote [128] am Ende des zweiten Absatzes genannten Brief von Graf. Die erste Seite des masch. Briefs vom 28. Dezember 1954 steht auf vorgedrucktem Briefpapier der Musikblätter; das Zitat stammt von S. [1]–[2]. Andere in Grafs Brief erwähnte Personen sind der Essener Maler Ferdinand Wahl (1880-1962) und der Pädagoge und Publizist Prof. Franz Feldens (1900–1976).

[154a] Der Wissenschaftlichen Archivarin der „Stiftung Neue Synagoge – Centrum Judaicum“ Frau Barbara Welker, Berlin, ist für freundliche Auskünfte vielmals zu danken.

[154b] In der Zeitschrift Melos erschien mehrfach ein ganzseitiges Inserat unter der Überschrift „Melos-Gemeinschaft E.V. | Konstituiert Oktober 1923 | Leitung: Philipp Jarnach und Heinz Tiessen.“. Dieses Inserat zeigte die vier Veranstaltungen im ersten Halbjahr 1924 an: Melos, 4. Jg. (1924), S. 118, 186, 237, 342 und 416. Ergänzend war in den ersten vier (von fünf) Inseraten der Satz zu lesen: „Im Winter 1924-25 wird wieder eine Reihe von Aufführungen selten gespielter und neuer zeitgenössischer Kammermusik stattfinden.“

[155] H[ans] H[einz] Stuckenschmidt, Schönberg. Leben · Umwelt · Werk, Zürich und Freiburg im Breisgau: Atlantis, 1974, S. 199. – Schönberg dürfte nicht im Publikum dieses Konzerts gewesen sein, da zwei Briefe von ihm an seinen Schwager Alexander Zemlinsky und ein anderer an Emil Hertzka, den Leiter der Wiener Universal-Edition, existieren, die beide in Mödling (im Süden von Wien) geschrieben wurden und auf den Tag des Konzerts datiert sind (für die Suche siehe Fußnote [108]).

[155a] [Walter] Schrenk, Schönbergs „Pierrot Lunaire“. Aufführung in der Singakademie unter Fritz Stiedry, in: Deutsche Allgemeine Zeitung. Tägliche Rundschau, Ausgabe für Groß-Berlin, Morgenblatt, 63. Jg., Nr. 11, Dienstag, 8. Februar 1924, S. [2], Sp. [1]–[3].

[155b] Dr. Leopold Schmidt, Aus den Konzerten, in: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, 53. Jg., Nr. 16, Ausgabe für Berlin, Morgen=Ausgabe, Berlin, Donnerstag, 10. Januar 1924, S. [2], Sp. [1]–[3].

[155c] Adolf Diesterweg, Berliner Musik, in: Zeitschrift für Musik. Kampfblatt für deutsche Musik und Musikpflege, Hauptschriftleiter: Alfred Heuß, 91. Jg., Heft 2, Leipzig, Februar 1924, S. 75–77; hier S. 76.

[156] Vgl. Klaus Pringsheim, Stiedry dirigiert Schoenberg, in: Das Tage-Buch, hg. von Stefan Großmann, geleitet von Stefan Großmann und Leopold Schwarzschild, 1. Halbjahr, 5. Jg., Heft 2, Berlin, 12. Januar 1924, S. 58–59. Pringsheims Artikel, in dem die „Melos-Gemeinschaft“ als „Metros-Gemeinschaft“ (S. 59) bezeichnet wird, spart nicht mit Superlativen und lässt keinen Schatten auf die Komposition Schönbergs, ihre Darbietung, die Ausführenden, das Publikum und alles andere fallen; der mehrfach bezeugte Eklat und Windischs Verhalten werden indes nicht erwähnt, als wäre er gar nicht passiert (Online-Ausgabe von S. 58–59: siehe hier).

[157] Von ihm stammt vermutlich das Buch Die sozialdemokratische Presse Deutschlands. Eine soziologische Untersuchung, Tübingen: Mohr, 1922. Genaue Identität und Lebenszeit von Kantorowicz sind mir nicht bekannt, doch handelt es sich möglicherweise um eine Person jüdischer Herkunft, die nach 1933 emigrierte. Der Name ist darüber hinaus nicht allzu selten.

[158] Die erschienenen Artikel sind hier zusammengestellt. – Adolf Schreiber (1883 bis 1920) war ein aus Prag stammender und offenbar hochbegabter Komponist, der unter starken und nicht nur ästhetischen Skrupeln litt, allein für die Kunst lebte, sich aber in Berlin nicht durchzusetzen verstand. Er nahm sich am 1. September 1920 im Berliner Wannsee das Leben, als er vor der Uraufführung der Operette Die Scheidungsreise kurzfristig durch einen anderen Dirigenten ersetzt wurde. Max Brod, ein Freund Schreibers, widmete ihm das Buch Adolf Schreiber. Ein Musikerschicksal (Berlin: Welt-Verlag 1921, 77 Seiten Umfang), das heute in Form von Bilddateien des Originals im Internet kostenlos zugänglich ist. – Vgl. auch Max Brod, Adolf Schreiber. Ein Musikerschicksal, in: Die Flöte, 4. Jg., Heft 7, Oktober 1921, S. 187–190; fortgesetzt in Heft 8, November 1921, S. 235–241. Ferner folgende Hinweise: Biographie (hier). „Zehn Lieder“ für Gesang und Klavier, Berlin: Welt-Verlag, 1921, 35 S. (Digitalisat): (hier), Bayerische SB München, Signatur: „Mus. Pr. 4° 6208“.

[159] Über Klaus Pringsheim senior (1883–1972) vgl. den gleichnamigen Wikipedia-Artikel.

[159a] Vgl. auch die Rezension von Klaus Pringsheim über die ersten Jahrgänge von Melos im Tage-Buch, 2. Halbband, 1925, ausführlich zitiert in dem Aufsatz über Thalheimer, Teil II, Anm. [154], vierter Absatz nach dem Sternchen.

[160] Die Bilddateien des Originals sind kostenlos als Download nachlesbar und wurden chronologisch nach Jahrgangsbänden hier verzeichnet.

Auf diese Quellen hatte ich bereits in meinem 2010 veröffentlichten Aufsatz Else Thalheimer. Ein Lebensweg von Köln nach Tel Aviv hingewiesen, da sich am Fuß des ersten Aufsatzes von Klaus Pringsheim (S. 316 und 317) ein Inserat des Kölner Verlages von Fritz Jacob Marcan befindet. Weiteres nach dem Sternchen in Fußnote 154, siehe hier.

[161] Hiermit steht freilich im Widerspruch, dass das am 19. April 1923 in Leipzig stattgefundene Konzert der Melos-Gemeinschaft zu Beginn des Programmblatts sowohl den „e. V.“ (eingetragenen Verein) wie die künstlerische Leitung durch Fritz Windisch auswies (vgl. Fußnote [123]). Wie diese Dinge in Einklang stehen, weiß ich vorerst nicht zu sagen.

Leider ließen sich die Informationen über den dem Skandal vorausgehenden Prozess nicht durch einen Eintrag oder die Löschung im amtsgerichtlich geführten Vereinsregister (Registergericht) oder durch überlieferte Prozessakten belegen. Sowohl das Amtsgericht in Berlin-Mitte wie jenes in Berlin-Charlottenburg und das Landesarchiv Berlin, an das verschiedene Akten abgegeben worden waren, wurden zum Teil mehrfach im April 2012 bemüht, um Dokumente zu finden und zur Auswertung zu erhalten. Alle Anstrengungen, schriftlich und telefonisch, waren jedoch trotz guter Beratung durch die verschiedenen Ämter vergebens. Zu danken habe ich für Auskünfte dem Amtsgericht Berlin-Mitte (E-Mail vom 10. April 2012, Herr Eckart Schwemmer), dem Amtsgericht Berlin-Charlottenburg (E-Mail vom 13. April 2012, Frau Anemone von Berg) sowie dem Landesarchiv Berlin (E-Mail vom 12. April 2012, Frau Bianca Welzing-Bräutigam). Auch der Versuch, im Sächsischen Staatsarchiv von Leipzig, im Mai 2012 Unterlagen über die Ereignisse zu finden, führte nicht weiter; zu danken habe ich hier der Sachbearbeiterin Frau Judith Ganz.

[162] Siehe die in Fußnoten [119], [120] und [121] belegten Zitate.

[163] Anspielung auf den Bankprokuristen Herbert Graf. Die „Internationale Gesellschaft für neue Musik“ (IGNM) war an dem Eröffnungskonzert der neuen „Melos-Gemeinschaft“ beteiligt wie die mehrfachen Inserat (siehe Anm. [154b]) belegen. Unter der Übersicht des 1. bis 4. Konzertes stand nämlich: „Der 1. und 4. Abend wurde im Rahmen der Konzerte der Internationalen Gesellschaft für neue Musik, Sektion Deutschland, veranstaltet.“

[164] Vgl. hier auch den Artikel von Kantorowicz, Zitat von S. 282. – Angemerkt sei, dass es sich meinen Möglichkeiten entzieht, die veröffentlichten Schriften der Kontroverse im Einzelnen auf ihre sachliche Richtigkeit hin zu prüfen und das Geflecht von Wahrheiten, Halbwahrheiten und vielleicht auch Unwahrheiten zu entwirren. Aufgrund der mir bekannten Quellen kann ich weder dem einen noch dem anderem Recht geben und allenfalls von gewissen Wahrscheinlichkeiten ausgehen, die in diesem Fall aber kaum jemandem nutzen. Auch die Angriffe auf Windisch kann ich dabei nicht entkräften. Weitere Einzelheiten sind mir lediglich aus der zitierten Literatur bekannt, doch scheint es mir an der Zeit, dass das Belegbare in größerem Rahmen als hier zusammengetragen, ausgewertet und dann auch öffentlich bewusst wird, um Klarheit in die Beschreibung der einstigen Ereignisse zu bringen, so dass nicht mehr Aussage gegen Aussage steht und Stellungnahme ermöglicht ist.

[164a] Eine Besonderheit, die sich größerer Ausführlichkeit verdanken mag, ist die Erwähnung der Zeitschrift Melos in Windischs Lebenslauf IV (siehe hier).

[164b] Die Wendung von der Kunst zur Naturwissenschaft ist in Lebenslauf IV auf „1923“ datiert. Ob dieses Studium daher schon vor dem „Skandalkonzert“ begann oder sich diesem erst anschloss, kann daher nicht mit Sicherheit behauptet werden, zumal das Konzert am 5. Januar 1924 zu Anfang des Jahres lag (vgl. hier). Gleichwohl fügt Windisch nach der Jahreszahl 1923 auch sein Studium in Leipzig an, so dass die Datierung insgesamt etwas großzügig gehandhabt scheint.

[165] Tiessen, der mit Jarnach zusammen unmittelbar auf Windisch folgte, war selbst einer der Begünstigten, als Windisch entlassen wurde. Ob Tiessen, der mit Graf ja über Jahrzehnte hinweg zumindest brieflich in Verbindung blieb, von Windisch in späteren Jahren noch hörte und ob er vielleicht von Windischs Ableben im Jahre 1961 erfuhr, entzieht sich meiner Kenntnis.

[166] Vgl. die bibliografischen Angaben zu Beginn von Fußnote [128]; das Zitat aus dem Aufsatz Tiessens darin auf S. 35 unten. – Es handelte sich hier um Besprechungen über eine Aufführung von Alban Bergs Klaviersonate op. 1, die Eduard Erdmann in einem Konzert am 28. März 1919 in Berlin gespielt hatte und die, laut Tiessen, „sogar von den fähigsten Kritikern kaum gewürdigt wurde.“ Tiessen, von dem ein Stück mit auf dem Programm stand, hatte zum Zeitpunkt des Konzerts im Krankenhaus gelegen und musste daher später aus Presseberichten zitieren (vgl. in der genannten Quelle auf S. 34). Ob Windisch damals für eine Zeitung schrieb und der Ausdruck „referierte“ sich auf eine Rezension (und nicht nur eine mündliche Äußerung) bezieht, vermag ich nicht zu sagen, doch wäre es nach dem geschilderten Zusammenhang umso wahrscheinlicher, als Windisch 1920 mehrere Besprechungen von aufgeführter Musik veröffentlichte (siehe hier). Vgl. auch das in Fußnote  [128] belegte Zitat mit der Wiedergabe von Tiessens Worten über Herbert Graf, die zur Klärung der Identität Grafs nicht unwesentlich beitrugen.

 

 

 

Fortsetzung in Teil 3

 

 

 

Erste Eingabe ins Internet:  Montag,  7. Februar 2011 (Teile I und II);  Freitag,  29. Juni 2012 (Teil III)
Letzte Ãnderung:  Montag, 23. Mai  2016


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